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31. August 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Trocken gelegt: Warum das Elbe-Bild von 1904 gar nichts beweist

31. August 2026 — — Prof. Kessler

Die Pfeife glüht. Auf dem Schreibtisch liegt eine alte Photographie, das Papier brüchig, das Bild von Staub überzogen. Sie zeigt einen Fluß, der keiner mehr ist – Schlamm, Steine, Sand. Die Elbe, irgendwo in Sachsen, Sommer 1904. Irgendwer hat das Bild ausgegraben, hat es durch die digitalen Kanäle gejagt, und nun wandert es von Bildschirm zu Bildschirm, begleitet von einer Behauptung, die so altbacken ist wie das Negativ selbst: Damals war es auch trocken, also gibt es keinen Klimawandel.

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Ich notiere. Dreißig Jahre im Labor haben mich eines gelehrt: Behauptungen, die zu bequem klingen, sind meist zu bequem, um wahr zu sein.

Die Faktenlage ist eigentlich überschaubar – würde man sie nur lesen, statt sie zu teilen. Im Sommer und Herbst 1904 führten die mitteleuropäischen Flüsse tatsächlich Niedrigwasser. Die Sächsische Zeitung berichtete damals, und über die Google-Bilderrückwärtssuche läßt sich das kursierende Foto eindeutig diesen Originalberichten zuordnen. Das hat der dpa-Faktencheck im August 2022 akribisch nachgezeichnet. Correctiv hat sich der Sache bereits im Juni 2022 angenommen: Ja, es gab Niedrigwasser im Jahr 1904. Nein, dieses Foto beweist keinen Klima-Schwindel. Und die Redaktion von Mimikama formulierte es im Juli 2025 erneut, weil die Behauptung offenbar nicht aufhört zu wandern wie ein Geist, der sein Grab nicht findet: Historische Aufnahmen von Niedrigwasser seien kein ausreichender Beweis gegen den Klimawandel. Punkt, aus, Aktenzeichen.

Doch hier beginnt die eigentliche Arbeit. Ein einzelnes hydrologisches Ereignis – und sei es noch so fotogen, noch so ästhetisch, noch so geeignet, den Zeitgeist bedienen zu wollen – bleibt eine Momentaufnahme. Klima wird nicht in Schwarzweißphotographien gemessen, sondern über Jahrzehnte, mit Instrumenten, die nicht in die Kamera passen. Der globale Temperaturanstieg, die Verschiebung der Niederschlagsmuster, die zunehmende Häufigkeit und Intensität von Trockenperioden – das sind die Eintragungen in den Archiven der Meteorologie, nicht in den Alben unserer Großväter. Wenn das Bild von 1904 überhaupt etwas zeigt, dann dies: daß extreme Wetterlagen auch vor der Industrialisierung möglich waren. Aber möglich ist nicht regelmäßig. Möglich ist nicht häufiger. Möglich ist nicht der Befund einer Datenreihe, die 1904 beginnt und bis heute reicht.

Wer hat das bezahlt, wer hat widersprochen, was wurde nicht gemessen – das sind die drei Fragen, die ich jedem Studenten in der ersten Semesterwoche einbleue. Im vorliegenden Fall lautet die Antwort: Niemand hat das Foto bezahlt – das macht es nicht richtiger. Niemand mit hydrologischer Expertise hat widersprochen – doch, alle haben widersprochen, das wird nur überhört. Und nicht gemessen wurde der Trend, der über das Einzelbild hinausweist; genau das aber ist die Pflicht der Wissenschaft, nicht die der Photographie.

Ein einzelnes Bild kann vieles zeigen. Es kann zeigen, wie ein Fluß aussieht, wenn das Wasser fehlt. Es kann zeigen, daß es solche Situationen auch früher gab. Es kann sogar zeigen – und das ist sein einziger wissenschaftlicher Wert –, daß Klima keine Erfindung der Gegenwart ist, sondern eine Variable mit Geschichte. Was es nicht kann: einen Trend widerlegen, der über Jahrzehnte gemessen, von tausend Fachinstitutionen dokumentiert und in den Berichten des Weltklimarats zusammengefaßt wurde. Wer ein einzelnes Bild gegen diese Datenreihe ins Feld führt, hat das Spielfeld noch nicht betreten – er hat nur den Zaun photographiert.

Die Pfeife ist aus. Der Aschenbecher voll. Irgendwo in einem Archiv liegt das Original von 1904, und irgendwo im Netz kursiert es zum tausendsten Mal, mit derselben Behauptung, die schon beim ersten Mal nicht stimmte. Die Correctiv-Recherche, die Mimikama-Analyse, der dpa-Faktencheck – sie liegen vor. Wer sie ignoriert, ignoriert nicht die Fakten, sondern den eigenen Anspruch auf Wahrheit. Wer die fundierte Quellenlage zur Klimaforschung zur Kontextualisierung nicht heranzieht, liefert keine Widerlegung, sondern Pseudo-Wissenschaft im Hochglanzrahmen.

Die Frage, die ich offen lasse, ist einfach: Wenn ein Bild aus dem Kaiserreich unsere Enkel vor der kommenden Klimakrise schützen könnte – warum tut es das nicht?

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 3 abrufbare Quellen

1 Quelle · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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