Der Leuchtturm und die verschlossenen Akten
Im Mai dieses Jahres schrieb Gopalkrishna Gandhi, Enkel des Rajaji und Mann mit dem ruhigen Blick des Diplomaten, einen offenen Brief an einen Mann, der noch keine zwei Wochen zuvor nur Schauspieler gewesen war — an C. Joseph Vijay, Chief Minister-elect von Tamil Nadu. Der Brief war lang, höflich, beseelt von jener moralischen Gravitation, die das Wort „Beacon" aufzuladen vermag, wenn ein Gandhi es in den Mund nimmt. „Become a beacon for a hate-free, fear-free, and just India", stand dort zu lesen, und die Kameras schwenkten über das Papier wie über eine Reliquie. Man sprach von Werten. Man sprach von Verfassung. Man sprach von vergebender Politik und nicht von vendettasüchtiger. Die Federer-Nadal-Analogie wurde bemüht, als gelte es, einen sportlichen Gentleman-Vertrag für ein Amt zu unterzeichnen, das in Wahrheit mit dem Blut von Bündnissen geschmiert ist.
Man hätte lächeln können. Man hat gelächelt.
Denn während in den Spalten der Zeitungen das Wort „Beacon" leuchtete wie eine Gaslaterne im Londoner Nebel, geschah das, was in diesen Breiten immer geschieht, wenn die Moral den Boden der Hauptstadt verlässt: Die Akten wurden geschlossen. Vijay, so berichten es die Männer, die das Wort „Aktenordner" mit dem Respekt behandeln, den es verdient, weigerte sich, Unterlagen aus drei Ressorts zu öffnen. Drei. Nicht eines, nicht zwei, sondern drei. Das ist keine Nachlässigkeit; das ist eine Geste. Wer Akten schließt, bevor sie geöffnet werden, möchte nicht erleuchten, sondern verbergen. Und genau dort beginnt die Diskrepanz, die wie ein Riss durch das politische Theater von Chennai läuft.
Indes sprach Udhayanidhi Stalin — und man sollte sich angewöhnen, zuzuhören, wenn er spricht, denn die DMK hat das alte Handwerk der politischen Beschimpfung nie verlernt —, und er nannte Vijays Regierung das, was sie nach Ansicht vieler ist: eine „dummy govt." Eine Attrappenverwaltung. Die volle Rede wurde angesehen, quittiert, weitergegeben; in den Gängen der Ministerien lief das Echo. Die TVK-Minister selbst zerlegten sich unterdessen über die „Akten"-Bemerkung ihres Chefs, öffentlich, mit jenem Eifer, den nur Männer aufbringen, die kurz zuvor noch gemeinsam schwiegen. Manickam Tagore, der Kongressmann mit dem ruhigen Lächeln des Wartenden, sagte, TVK könne dem INDIA-Bündnis beitreten, sobald es Abgeordnete habe. Dies, so darf man anmerken, ist die diplomatischste Formulierung der Welt für: noch nicht. Bündnisse sind keine Wohltätigkeitsvereine; sie werden in den Zuteilungen der Macht gezählt, und die Macht zählt in Sitzen.
Parallel dazu — denn das Theater kennt keine Pause — wirft der Kongress Penguin India vor, dem Druck nachgegeben und Änderungen an Sonia Gandhis Memoir verlangt zu haben. Penguins Lektoren, so die Anschuldigung, beugten sich dem Druck der Politik. Ob dies zutrifft oder ob es die übliche Manöverkritik einer enttäuschten Partei ist, vermag ich nicht zu entscheiden; ich vermag nur festzustellen, dass die Anschuldigung selbst ein Dokument ist. Sie zeigt, wie wenig Vertrauen zwischen Verlag und Politik mehr existiert, wie wenig Vertrag noch Vertrag ist. In Genf habe ich Männer lächeln sehen, während sie Verträge unterzeichneten, die sie am nächsten Morgen brechen würden. Die Handschuhe, die ich bei solchen Anlässen trug, waren nie nur wegen der Kälte.
Und dann, in einer Wendung, die selbst ein Drehbuchschreiber kaum gewagt hätte, hält das Breitbart News and Innovation Council Action eine Veranstaltung ab: „AI Is Here: What to Fear, What to Embrace". Man darf das Nebeneinander würdigen. Während im Süden Akten verschlossen und Memoiren angeblich unter Druck umgeschrieben werden, während ein ethisches Ideal als Beacon aufgerichtet wird und unter ihm eine Regierung ihre Schatten wirft, die ein politischer Erbe als Attrappe bezeichnet, diskutiert man andernorts, wovor man sich zu fürchten habe und was man zu umarmen gedenke. Die Indifferenz dieser Gleichzeitigkeit ist ein Kommentar für sich. 1937 spielte die Welt Schach, und wer die Züge kannte, wusste, dass jeder Leuchtturm irgendwann seine Laterne verliert, wenn das Öl der Macht zur Neige geht.
Was bleibt? Ein Brief, der nach Ethos duftet. Drei verschlossene Aktenordner. Ein Bündnis, das auf Abgeordnete wartet. Eine Memoir, die angeblich unter Druck neu geschrieben wurde. Und ein Chief Minister, dessen erste Wochen an die Bühne eines Mannes erinnern, der die Kulisse betritt, bevor das Stück geschrieben ist. Gandhis Beacon brennt — nur für wen, das wird die Akte verraten, die irgendwann geöffnet wird. Oder auch nicht. In dieser Stadt lernt man früh, dass Schweigen eine Aussage ist.
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