Der Doktor schreibt mit. Wer hört noch zu?
Es beginnt mit einer Akte. Jeder Patient kennt das Gefühl, wenn der Arzt den Bleistift zur Hand nimmt und Worte notiert, die man ihm im Vertrauen sagt. Fieber, Husten, ein gebrochenes Bein — das mag hingehen. Doch was geschieht, wenn der Stuhl, auf dem man sitzt, nicht der Hausarzt ist, sondern der Nervenarzt? Und wenn das, was dort gesprochen wird, nicht zwischen zwei Menschen bleibt, sondern seinen Weg in eine Karteikarte findet, die man nicht einsehen, nicht anfechten, nicht zurückholen kann?
Ein Hinweis erreicht die Redaktion der Terminal Tribune, der so vage ist wie ein Gerücht im Treppenhaus und so beunruhigend wie ein Schritt hinter der Gardine. Die Quelle — wir schützen sie, denn sie hat Grund zur Vorsicht — berichtet, dass medizinische Einrichtungen womöglich damit begonnen haben, Sitzungen der psychischen Gesundheitsversorgung akustisch oder schriftlich festzuhalten. Womöglich. Das ist das Wort, an dem dieser Bericht hängt wie ein nasser Mantel am Haken. Es gibt keine bestätigte Urkunde, keine öffentliche Bekanntmachung einer Behörde, keine Stellungnahme eines Verbandes. Es gibt eine Aussage, eine mündliche Mitteilung, eine Beobachtung — mehr nicht.
Dreißig Jahre in der Wissenschaft haben mich eines gelehrt: Wer behauptet, dass etwas geschieht, hat oft genug die interessanteste Frage noch nicht gestellt. Wer dokumentiert? Wer hat den Auftrag erteilt? Wer wertet aus? Wohin wandern die Aufzeichnungen? Wie lange werden sie verwahrt? Wer hat Zugriff in fünf Jahren, in zwanzig, wenn der behandelnde Arzt längst nicht mehr lebt und die Akte in einem Archiv ruht, das niemand mehr kennt?
Das Patientengeheimnis ist keine Erfindung pedantischer Bürokraten. Es ist die Voraussetzung jeder Therapie, die den Namen verdient. Ein Mensch, der über seine Ängste spricht, seine Zwänge, seine Schuld, über das, was er nachts nicht schlafen lässt — dieser Mensch spricht nur, weil er glaubt, dass die Wände keine Ohren haben. Er spricht, weil das Sprechen selbst schon ein Akt der Heilung sein kann. Man nehme ihm die Zusicherung, dass nichts davon nach außen dringt, und man nimmt ihm die Behandlung. Das ist keine Übertreibung. Das ist Mechanik.
Nun also die Möglichkeit, dass diese Wände eben doch Ohren haben. Nicht die Ohren eines Mitpatienten im Wartezimmer, nicht die Ohren einer Schwester, die das Fieberthermometer bringt — sondern die Ohren eines Apparates, der jedes Wort festhält, jederzeit abrufbar, vervielfältigbar, weitergebbar. Eine Akte ist vergesslich. Sie kann verlegt werden, verbrannt, von Motten zerfressen. Eine Aufzeichnung auf einem Medium, das wir noch nicht benennen können, ist das nicht.
Die Quelle spricht von Aufzeichnungen. Sie spricht nicht von der Methode. Sie spricht nicht vom Zweck. Sie spricht nicht davon, ob die Patienten befragt wurden, ob sie eingewilligt haben, ob sie überhaupt wissen, dass die Sitzung, in der sie vielleicht das Intimste ihres Lebens aussprechen, irgendwo festgehalten wird. Eine Therapie ohne Wissen des Patienten ist ein Experiment. Eine Therapie ohne Zustimmung ist — und hier zögere ich, das Wort zu schreiben, weil es in diesem Land noch nicht überall dasselbe bedeutet — ein Eingriff.
Die Terminal Tribune veröffentlicht diesen Hinweis nicht, um Ängste zu schüren. Sie veröffentlicht ihn, weil das Schweigen über solche Dinge die gefährlichste Aufzeichnung ist. In meiner Laufbahn habe ich Institute gesehen, die ihre Protokolle nicht in Fachzeitschriften, sondern in Broschüren für die Öffentlichkeit druckten — jeweils angepasst, jeweils geschönt, jeweils ohne jene Zahlen, die nicht ins Bild passten. Wenn die Wissenschaft sich entschließt, etwas zu dokumentieren, dann tut sie es gründlich. Die Frage ist nur, wem diese Gründlichkeit nützt.
Ich warne ausdrücklich: Wir wissen derzeit zu wenig, um mehr zu sagen, als dass diese Praxis in einzelnen Einrichtungen womöglich existiert. Wir wissen nicht, ob es sich um ein einzelnes Krankenhaus handelt oder um eine flächendeckende Anweisung. Wir wissen nicht, ob die Aufzeichnungen der Forschung dienen, der Verwaltung, der Qualitätssicherung — oder einem anderen Zweck, über den wir nicht spekulieren wollen, solange wir nicht spekulieren können. Wir wissen nicht einmal mit Sicherheit, in welcher Form diese Aufzeichnungen erfolgen. Schriftlich, wie seit Jahrzehnten üblich? Akustisch, mit einem neuen Gerät? Beides?
Was wir wissen, ist dies: Das Vertrauen zwischen Patient und Arzt ist ein zerbrechliches Konstrukt. Es ruht auf der Annahme, dass der eine schweigt und der andere schützt. Wird diese Annahme durch ein noch so vages Gerücht erschüttert, dann leidet die Behandlung aller — auch jener, bei denen nie eine Aufzeichnung gemacht wurde. Wer nach diesem Bericht das Wartezimmer eines Nervenarztes betritt und auf den Bleistift des Doktors blickt, wird sich fragen müssen, was er gerade sieht. Und diese Frage, meine Damen und Herren, ist neu.
Die Redaktion fordert jene Stellen, die medizinische Versorgung anbieten, auf, Klarheit zu schaffen. Wir fordern keine Spekulationen, wir fordern Auskunft. Wir fordern die Bestätigung oder das Dementi. Und wir fordern — sollte die Praxis bestehen — die uneingeschränkte Auskunft darüber, was gespeichert wird, wer es speichert, wer es einsehen darf und wie der Patient davon erfährt. Alles andere verlängert das Schweigen, das diesen Gerüchten Nahrung gibt.
Das Patientengeheimnis ist kein Privileg der Wohlhabenden. Es ist kein Zugeständnis, das man gewährt oder entzieht wie einen Theaterabend. Es ist die Grundlage einer Heilkunst, die älter ist als jedes Aufnahmegerät, das je gebaut wurde. Wer diese Grundlage antastet, muss sich fragen lassen, ob er noch heilt — oder bereits etwas anderes tut.
Ich lege die Pfeife aus der Hand. Der Aschenbecher ist voll. Auf dem Schreibtisch liegt nichts als ein Zettel mit zwei Worten: vielleicht aufgezeichnet. Mehr habe ich nicht. Mehr brauche ich nicht, um zu fragen — was geschieht dort, wo ein Mensch sich öffnet, und wer liest mit, wenn er es tut?
❖ Ende des Artikels ❖
