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2. September 2026

Dossier · Politik & Macht

9,39 Sekunden und eine gepolsterte Wand in Peking

2. September 2026 — — Kastner

Die 9,39 Sekunden, die Peking uns am vergangenen Wochenende schenkte, waren keine sportliche Nachricht im herkömmlichen Sinne. Sie waren eine Visitenkarte, überreicht mit dem höflichen Lächeln jener, die wissen, dass man Visitenkarten nicht höflich beantwortet, sondern prüft.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Tiangong Ultra, ein humanoider Roboter aus chinesischer Produktion, lief die hundert Meter in 9,39 Sekunden und unterbot damit den Weltrekord des Jamaikaners Usain Bolt, der am 16. August 2009 in Berlin 9,58 Sekunden erreicht hatte. Dies geschah nicht in irgendeinem Trainingslager, sondern auf der Bühne der World Humanoid Robot Games in Peking, wo mehr als zweitausend Maschinen aus unterschiedlichen Entwicklungsstufen gegeneinander antraten — in Disziplinen, die von der Sprintgeraden bis zur Sortierung von Wäsche reichten.

Zwei menschliche Weltrekorde fielen an diesem Wochenende. Über 400 Meter verbesserte Tiangong die Bestmarke um beinahe fünf Sekunden — eine Spanne, die in der Leichtathletik seit Jahrzehnten als unüberwindlich galt und die nun mit der Selbstverständlichkeit eines Quartalsberichts vorgelegt wird.

Man darf die Zahlen würdigen. Man darf auch fragen, in welcher Disziplin des Menschlichen diese Zahlen noch zählen.

Denn dieselbe Veranstaltung, die diese Rekorde feierte, präsentierte den Maschinen zugleich Haushaltsaufgaben. Die Webseite der World Humanoid Robot Games formuliert es so: Die Roboter sollen in den sportlichen Wettbewerben "ein perfektes Gleichgewicht aus Kraft, Geschwindigkeit und Flexibilität" demonstrieren, während sie in den Szenario-Events "auf Funktionalität und Anpassungsfähigkeit in realen Umgebungen" geprüft werden. Man zeigt ihnen also das Stadion und die Küche. Man trainiert sie für die Sprintgerade und für den Wäschekorb. Man will wissen, ob sie Bolt schlagen oder das Abendessen kochen können — und antwortet auf beides mit Ja.

Diese Verbindung aus Sportlichkeit und Hausarbeit ist nicht beiläufig. Sie sagt, dass die Maschine, die schneller läuft als der schnellste Mensch, auch diejenige sein soll, die das Geschirr spült. Wer den Sprintrekord viral gehen lässt und den Wäschefalt-Clip daneben stellt, beantwortet zwei Fragen in einer Geste. Welche Frage genau, muss man sich selbst überlegen.

Eine dieser Maschinen rannte während des Trainings mit voller Geschwindigkeit gegen eine Wand. Sie faltete sich rückwärts zusammen und begann zu sprühen — Funken, kein Feuer, der Aufprall wurde gefilmt und verbreitet. Andere Berichte sprechen von einer gepolsterten Wand. Die Diskrepanz ist klein und möglicherweise nur redaktionell. Sie ist trotzdem aufschlussreich: Selbst der Aufprall wird gepolstert, bevor er die Öffentlichkeit erreicht.

Verletzt wurde nach den vorliegenden Berichten niemand. Das ist beruhigend. Es verschiebt die Frage nur: Nicht ob, sondern wann eine Maschine, die schneller läuft als Bolt und stabil genug ist, einen Wäschekorb zu tragen, mitten unter Menschen stolpert. Die Maschinen, die wir heute beim Sprint filmen, sind die Vorboten der Maschinen, die wir morgen nicht mehr filmen werden.

Man muss den Kontext benennen. China verfolgt seit Jahren eine nationale Strategie für künstliche Intelligenz, die humanoide Roboter als Schlüsseltechnologie begreift. Die World Humanoid Robot Games fallen in eine Phase, in der der globale Wettlauf um KI-Vorherrschaft offener geführt wird als je zuvor. Was Peking in dieser Woche gezeigt hat, ist eine sportliche Demonstration — und sie ist untrennbar mit dem geopolitischen Anspruch verbunden, in dieser Technologie ganz vorne mitzulaufen.

Rekorde werden dort gebrochen, wo der Staat sie aufstellt. Wände werden dort gepolstert, wo man es für nötig hält. Die Maschinen laufen 9,39 Sekunden — und wir messen weiter, weil Messen das ist, was uns bleibt.

In Genf habe ich einmal beobachtet, wie ein Vertrag unterschrieben wurde, der keiner war. Jemand hielt eine Kamera bereit, jemand hielt ein Lächeln bereit, und niemand hielt die Bedingungen bereit, die später galten. Die Handschuhe, die ich damals trug, waren aus feinem Leder. Ich trage sie heute noch. Man fasst die Dinge damit nicht an, aber man lässt sie auch nicht fallen.

Die Sekunde des Tiangong ist 0,19 Sekunden kürzer als die Sekunde des Bolt. Das ist, was die Stoppuhr misst. Was die Waage der Geschichte misst, werden wir später prüfen — mit Handschuhen, versteht sich.

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