Strukturbruch: Die ökonomischen Quellen des amerikanischen Zentrumskollapses
Es gibt Sätze, die wie Einlaßtüren wirken. Sie öffnen sich leise, und wer hindurchtritt, steht plötzlich in einem Raum, dessen Luft anders schmeckt. "Political demography", die Lehre vom Verhältnis zwischen Bevölkerungsbewegung und politischer Macht, ist solch eine Tür. Wer sie in diesen Tagen aufstößt, blickt in ein Amerika, dessen Mitte sich nicht mehr politisch, sondern zuerst ökonomisch auflöst. Wer die Linien weiterzieht, erkennt: Hier zerbricht mehr als ein Wahlzyklus. Hier zerbricht ein Modell.
Eine bestimmte Analyse, gegenwärtig im Umlauf unter Demographen und Sicherheitsforschern, widmet sich genau dieser Frage: Welche makroökonomischen Wurzeln tragen den Kollaps der politischen Mitte in den Vereinigten Staaten? Es ist, man muß es so nennen, eine Inventur der Verwerfungen. Nicht die Schlagzeilen werden seziert, sondern die Bilanzen, die unter ihnen liegen. Geburtenraten, die sinken. Migration, die sich politisiert. Eine Alterung, die das Sozialsystem in eine Zange nimmt. Und über allem die Verteilung des Vermögens, die nicht mehr als Diskussionsthema, sondern als Gravitationsfeld wirkt.
Der Begriff, so notiert die einflußreichste Enzyklopädie in einem ihrer Grundlagenartikel, ist die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Politik und Bevölkerungsveränderung. Bevölkerungsveränderung, das sind die klassischen Mechanismen: Geburt, Tod, Altersstruktur und Migration. So unaufgeregt das klingt, so unerbittlich ist die Mechanik. Eine Gesellschaft, die altert, ohne nachzuwachsen, die Einwanderung als Konfliktfeld behandelt und ihre Erwerbsbevölkerung schrumpfen sieht, verändert das Verhältnis zwischen Staat, Markt und Bürger auf eine Weise, die keine Wahlurne mehr einfangen kann.
Es ist eine dünne Quellenbasis, die diesen Befunden zur Verfügung steht. Die Kommentatoren sind wenige, und die Analysen, die das Wort "political demography" tragen, lesen sich eher wie Vorboten denn wie Bestseller. Ein auf Politik spezialisierter Editorialdienst etwa führt die Disziplin als "thin field of study" — ein dünnes Forschungsfeld, das Bevölkerungsveränderung als politische Variable behandelt: Geburten, Tode, Alterung, Migration und ihre Wirkung auf Regierungspolitik, politische Macht und internationale Sicherheit. Eine akademische Plattform greift denselben Faden auf und verwebt ihn mit der Frage nach Repräsentation und Demokratie. Und ein sicherheitspolitischer Blog zitiert einen Analysten des National Intelligence Council, Rob Odell, mit dem Satz, die politische Demographie sei "a discipline whose time has come". Man spüre es, sagt Odell. Man müsse nur hinsehen.
Doch die Analyse, um die es hier geht, ist spezifischer. Sie trägt die Frage nach den Vereinigten Staaten wie ein Skalpell. Welche makroökonomischen Kräfte sind es, die das Zentrum auflösen? Die Antwort, die sich aus den vorliegenden Fragmenten zusammensetzt, verläuft entlang dreier Linien. Erstens: die demographische Asymmetrie zwischen wirtschaftlich boomenden Metropolregionen und alten Industrie- und Agrargürteln, die ihre Erwerbsbevölkerung verlieren. Wo Arbeitsplätze verschwinden, verschwindet die Steuerbasis. Wo die Steuerbasis schwindet, schwindet die Bereitschaft, öffentliche Güter zu finanzieren. Wo öffentliche Güter fehlen, wachsen populistische Narrative. So entstehen die ökonomischen Risse, in die sich die Politik später ergießt.
Zweitens: die Vermögensverteilung. Die Diskussion über die Konzentration von Kapital an der Spitze und die Stagnation der Realeinkommen in der Mitte ist so alt wie das Jahrhundert. In der politisch-demographischen Lesart verschärft sie sich dadurch, daß die Alterung Kapital in den Händen einer kleinen, oft über 65-jährigen Eigentümerklasse bindet, während junge Generationen ohne Vermögensbasis in eine Wirtschaft eintreten, deren Mieten, Gesundheitskosten und Bildungsaufwand sich verselbständigt haben. Das Resultat ist eine demographisch imprägnierte Ungleichheit, die keine Wahl mehr zwischen links und rechts kennt — sie kennt nur noch zwischen oben und unten. Und wer zwischen oben und unten wählt, wählt nicht mehr das Zentrum.
Drittens: die Frage der Migration. Migration ist, demographisch gesprochen, der einzige kurzfristig wirksame Hebel gegen eine alternde Erwerbsbevölkerung. Politisch wird sie in den Vereinigten Staaten zur Chiffre für Verlust. Die Analyse verfolgt, wie die ökonomische Notwendigkeit, junge Arbeitskräfte zu gewinnen, mit der politischen Inszenierung kollidiert, daß genau diese Menschen das Sozialsystem bedrohten. Diese Kollision ist nicht neu, hat aber ein neues Gewicht. Sie ist zum geometrischen Zentrum der amerikanischen Innenpolitik geworden.
Was bedeutet das für die Demokratien? Hier zitiert sich die Analyse selbst. Die Diskussion um "political demography" und "the future of democracy" wird, so liest man es, als eine der zentralen Fragen unserer Zeit geführt. Wenn die Vereinigten Staaten, die älteste verbliebene Großdemokratie des Westens, ihr Zentrum verlieren, verliert nicht nur Washington seine innere Balance. Dann verliert das demokratische Modell insgesamt an Plausibilität. Alliierte Staaten geraten unter Druck. Jene, die ohnehin auf das Ende der liberalen Demokratie wetteten, bekommen ein Argument, das sie bislang nur erträumen mußten.
Was bleibt, ist eine Quellenlage, die so dünn ist, daß sie beinahe selbst zum Befund wird. Eine Disziplin, "deren Zeit gekommen ist", wie ein Mann des National Intelligence Council sagt, wird von einer Handvoll Forschern und Redaktionen getragen. Daß diese Handvoll nun eine Frage stellt — die Frage nach den makroökonomischen Wurzeln des amerikanischen Zentrumskollapses —, ist mehr als akademisches Interesse. Es ist die vorläufige Bilanz einer Ordnung, die noch zu atmen scheint, deren Atmung aber bereits zählt.
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