Kartografie des Verschweigens
Manchmal beginnt Aufklärung nicht im Parlament, sondern in einer Datenbank, die ein paar ehrenamtliche Hände füllen. Am 28. August hat das Projekt Heiße Luft eine interaktive Übersichtskarte veröffentlicht, die zeigt, an welchen Standorten in Deutschland neue Rechenzentren entstehen sollen. Es ist eine Karte, die der Staat selbst nicht zeichnen wollte — und gerade deshalb ist sie bemerkenswert.
Die Bundesregierung hat ein Ziel: die Rechenkapazitäten bis 2030 zu verdoppeln und die Kapazitäten für KI-Anwendungen zu vervierfachen. Das steht in der Nationalen Rechenzentrumsstrategie, schwarz auf weiß, mit Siegel und Datum. Was dort nicht steht, ist die Landkarte selbst. Keine vollständige Übersicht der geplanten Standorte. Keine Liste der Betreiber. Keine Angabe, wie viel Wasser der Ausbau verbrauchen wird. Keine Antwort auf die Frage, welche Gemeinden künftig ihr Trinkwasser mit den Kühlkreisläufen von Maschinen teilen sollen, die nichts anderes tun, als zu rechnen.
Vier Organisationen haben sich zusammengetan, um diese Lücke zu schließen: AlgorithmWatch, FragDenStaat, Leitmotiv und das Heiße-Luft-Kollektiv. Sie durchforsteten Pressemitteilungen der Betreiber, amtliche Veröffentlichungen, Publikationen börsennotierter Unternehmen. Sie werteten Preisentwicklungen auf dem Immobilienmarkt aus. Sie richteten ein Kontaktformular ein, über das Bürgerinnen und Bürger anonym Daten korrigieren und ergänzen konnten. Das Ergebnis ist, in seiner Schlichtheit, ein Dokument: eine interaktive Karte, die zeigt, wo Rechenzentren entstehen, wie weit der Bau vorangeschritten ist, wer sie betreibt, wer sie finanziert — und an welchen Orten sich bereits Protest regt.
Nutzerinnen und Nutzer können sich zudem anzeigen lassen, wie viel Strom die Zentren voraussichtlich benötigen werden. Eine Funktion, die wie eine Selbstverständlichkeit wirkt — und die in der offiziellen Kommunikation der Regierung bislang fehlt.
Die Physikerin Tiziana von Witzleben, Mitgründerin des Heiße-Luft-Kollektivs, formuliert die Konsequenz mit der Klarheit ihrer Disziplin: „Durch ihren enormen Strom- und Wasserverbrauch beeinflusst der massive Ausbau von Rechenzentren viele Menschen in Deutschland direkt. Indirekt trifft er uns alle: Die rasant steigende Zahl von Rechenzentren treibt den Einsatz fossiler Energie nach oben und befeuert damit die Klimakatastrophe."
Dass diese Warnung nicht aus der Luft gegriffen ist, belegt der vergangene Sommer. Mehrere Landkreise rationierten die Nutzung von Frischwasser wegen Wasserknappheit. Die Karte des Projekts Heiße Luft zeigt nun, wo sich solche Knappheiten geographisch mit den Standorten neuer Rechenzentren überlagern.
An dieser Stelle ist Skepsis nicht nur erlaubt, sondern geboten. Wir haben eine Quelle. Eine Karte, zusammengetragen von Aktivistinnen und Aktivisten, gestützt auf öffentlich zugängliche Dokumente und Hinweise aus der Bevölkerung. Die Bundesregierung selbst hat, soweit derzeit bekannt, keine vergleichbare Übersicht vorgelegt. Ob alle auf der Karte verzeichneten Projekte tatsächlich realisiert werden, welche Bautermine gelten, welche Investoren im Hintergrund die Fäden ziehen — all das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht abschließend verifiziert. Die Karte ist ein Hinweis, kein Urteil.
Was wir wissen: Eine Verdopplung der Rechenkapazitäten ist angekündigt. Eine Vervierfachung der KI-Kapazitäten ist angekündigt. Die Bundesregierung weiß eigenen Angaben zufolge selbst nicht, wie viel Wasser dieser Ausbau verbrauchen wird. Die Karte des Projekts Heiße Luft ist der Versuch einer Zivilgesellschaft, diese Lücke zu füllen — mit den Mitteln, die ihr zur Verfügung stehen, nicht mit dem Archiv der Exekutive.
Die Frage, die bleibt, ist nicht technischer Natur. Sie ist politisch. Wer profitiert von einer Infrastruktur, deren Standorte, deren Wasser- und Energiebilanzen, deren Betreiberstrukturen die Öffentlichkeit nur über ehrenamtliche Recherche erfährt? Welche Kosten tragen jene Gemeinden, die demnächst entscheiden müssen, ob ihr Wasser künftig Bürgerinnen und Bürgern oder Servern dient?
Es ist die alte Mechanik der Macht — jene, die ich aus anderen Verhandlungen kenne. Man verschweigt nicht, was sich nicht lohnt zu verschweigen. Man verschweigt das, was sich aus Sicht der Verschweigenden zu verschweigen lohnt.
Das Projekt Heiße Luft hat den ersten Zug auf dem Brett gemacht. Welche Spieler am Tisch sitzen, wer die Figuren bewegt und wohin der nächste Zug geht — das werden die kommenden Wochen zeigen. Bis dahin gilt, was für jeden Schachspieler gilt: Wer das Brett nicht kennt, hat bereits verloren.
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