Die Beichte der Banker: Warum die FT ihren Neoliberalismus verrät
Im Frühjahr 2026 veröffentlichte die Financial Times einen Leitartikel, der in seiner Deutlichkeit überraschte. Die These: Das System, dem die Zeitung seit Jahrzehnten als intellektuelle Hauskapelle diente, habe versagt. Die Armen zahlten die Zeche einer Politik, die Banker reich und Staaten arm gemacht habe. Das Papier, das die Fieberkurven der Deregulierung mitzeichnete und jeden Kritiker des freien Marktes als Ketzer behandelte, kniet nun vor seinem eigenen Götzen.
Wer die Geschichte der Financial Times kennt, weiß, dass dies kein Blitz aus heiterem Himmel ist. Im Mai 2016 diagnostizierte das Blatt selbst eine „verfehlte Selbstkritik" am Neoliberalismus. 2020 erklärten externe Beobachter, die Zeitung habe den Neoliberalismus „verlassen" und müsse daran erinnert werden. Im April 2022 rezensierte sie Gary Gerstles „The Rise and Fall of the Neoliberal Order" als „Sofort-Klassiker". Die Spur der Einsicht ist also älter — in der aktuellen Veröffentlichung ist weniger eine Bekehrung als eine choreografierte Bewegung zu erkennen.
Was sich geändert hat, ist nicht die Struktur. Es ist die Sprache. Die Financial Times spricht heute von „Marktversagen", wo sie früher „Anpassung" sagte. Sie schreibt „Ungleichheit", wo früher „Leistungsanreiz" stand. Das Vokabular wurde umgeschrieben, nicht das Lexikon. Wer die Begriffe kontrolliert, kontrolliert die Debatte. Wer den Neoliberalismus nicht mehr beim Namen nennt, hat ihn nicht beerdigt — er hat ihn umgetauft.
Die Mechanik dieser Transformation lässt sich in drei Akten studieren. Erstens: das Eingeständnis. Man gibt zu, dass das System „Leid" verursacht habe, dass „die Schwächsten" am stärksten betroffen waren. Diese Konzession klingt großzügig, weil sie die Akten der Vergangenheit nicht widerruft, sondern nur umdeutet. Zweitens: die Schuldzuweisung. Das Versagen wird externalisiert — an Regierungen, die nicht „mutig" genug waren, an Wähler, die „falsche" Anreize setzten. Drittens: das Versprechen. Man kündigt Reformen an, die das System nicht zerstören, sondern nur justieren. Die Banken bleiben. Die Hierarchien bleiben.
Wir haben diese Choreografie schon einmal gesehen. Als das Finanzsystem kollabierte, schrieb die Financial Times über die „Notwendigkeit", Banken zu retten — und tat es mit einer Selbstverständlichkeit, als sei dies ein Naturgesetz. Die Rechnung wurde an die Steuerzahler übergeben. Das System überstand die Krise, ohne dass sich an seinen Grundfesten etwas änderte. Heute, da die Rechnung der nächsten Krise fällig wird — einer Krise, die das Blatt selbst als „Staatsfinanzierungskrise" umdeutet, während sie in Wahrheit eine Krise des privaten Sektors ist —, wiederholt sich das Spiel.
Die Armut, um die es hier geht, ist keine neue Erscheinung. Sie ist das Fundament, auf dem das System steht. In Großbritannien datieren die Arbeitshäuser bis ins 17. Jahrhundert; der Armengesetz von 1834 zerschlug Familien, die Zuflucht suchten. In den Vereinigten Staaten band die Schuldknechtschaft nach dem Bürgerkrieg Kleinbauern an einen Kreislauf aus Wucher und Pfändung — Zinsen von 80 bis 100 Prozent im Jahr. Matt Stoller beschrieb diesen Mechanismus als Ursprung des Begriffs „the man": „The man" war ursprünglich der „furnishing man", der Händler, der Erntearbeitern das Saatgut auf Kredit verkaufte.
Was die Financial Times in ihrer Selbstkritik nicht erwähnt: dass diese Strukturen nie verschwunden sind. Sie wurden nur neu verpackt. Die „Sophistizierung der Ausbeutung", wie ein Beobachter schrieb, hat unter dem Neoliberalismus nur zugenommen. Karl Polanyi hat diesen Mechanismus 1944 in „The Great Transformation" beschrieben: Eine Marktgesellschaft, die nur dem Effizienz- und Profitprinzip folgt, werde die soziale Ordnung unweigerlich zerstören. Polanyi warnte zugleich, dass periodischer Widerstand diese Zerstörung bremsen könne — und gab der Gesellschaft so Zeit zur Anpassung.
Die Financial Times, die heute ihre Selbstkritik veröffentlicht, ist nicht das Sprachrohr dieses Widerstands. Sie ist sein Choreograph. Die Zeitung, die in ihren „Rich People's Problems" und ihrer Beilage „How to Spend It" den Konsum zelebriert, die Verfechter des Goldstandards als seriöse Debattenbeiträge druckt — diese Zeitung tadelt das System, das sie groß gemacht hat, mit der gleichen Eleganz, mit der sie es zuvor gepriesen hat. Die Handschuhe sind weiß, die Maniküre ist perfekt, die Kritik kommt ohne Eclat.
Eher als ein Bühnenstück handelt es sich um eine Liturgie. Es gibt ein Sündenbekenntnis, eine Absolution, eine Erneuerung des Bundes. Das Eingeständnis von Schuld ist nicht der Beginn der Buße, sondern ihre Vermeidung. Wer seine Sünde benennt, ohne den Sünder zu nennen, hat weder Buße getan noch Vergebung erlangt. Er hat die öffentliche Wut in eine Form gegossen, die das System nicht verletzt.
Die Ironie der aktuellen Veröffentlichung liegt darin, dass die Financial Times genau das liefert, was der Markt gerade braucht: eine kontrollierte Dosis Kritik, die den Neoliberalismus nicht tötet, sondern ihm erlaubt, sich neu zu erfinden. Die Armen werden weiter zahlen. Die Banker werden weiter verdienen. Die Zeitung wird weiter schreiben. Wenn die nächste Krise kommt, wird das Blatt mit derselben Gravur erklären, dass das System „gerettet" werden müsse.
Die Frage ist nicht, ob die Financial Times ihren Neoliberalismus verrät. Die Frage ist, wer am Ende das Begräbnis bezahlt.
❖ Ende des Artikels ❖
