Reform UK wirbt um Anleihen — der Markt bebt
Reform UK, nach eigenem Bekunden Britanniens am schnellsten wachsende politische Partei, spricht derzeit eine Klientel an, die normalerweise nicht zu Wahlkampfveranstaltungen eingeladen wird. Die Partei umwirbt Bond-Investoren. Nigel Farage, Parteichef, und Schatzmeister Nick Candy luden dieser Tage zu einem Fundraising-Dinner nach Mayfair; nach Berichten der Financial Times sollten dort mehr als eine Million Pfund eingeworben werden, vor allem aus dem Kreis ehemaliger Tory-Spender. Es ist, im Jargon der City gesprochen, ein Vorstoß in jene Schicht der Geldgeber, die sonst den Steuerzettel unterschreibt.
Die Adresse kommt zu einem Zeitpunkt, an dem die Märkte beben. Die Rendite für langlaufende britische Staatsanleihen — sogenannte Gilts — lag nach Angaben der BBC am Donnerstag bei 5,57 Prozent, tags zuvor noch bei 5,75 Prozent, dem höchsten Stand seit 1998. Die Rendite zehnjähriger Gilts erreichte nach Daten des Guardian fast 5,3 Prozent, ein Niveau wie zuletzt Mitte 2008 — als die Welt vor einem anderen Abgrund stand. Damals wie heute geht es um das gleiche Symptom: Anleger werfen Anleihen aus den Depots, schneller als die Erklärungen Schritt halten können.
Der Druck ist global. Die Financial-Times-Berichterstattung über den aktuellen Sell-off verweist auf eine Kettenreaktion, ausgelöst durch die Verschärfung des Tonfalls zwischen Washington und Teheran, verstärkt durch Inflationssorgen und die Sorge vor wachsenden Haushaltsdefiziten. Was in London passiert, ist Teil einer kontinentübergreifenden Bewegung: Von US-Treasuries über Gilts bis zu Bunds — überall werden sichere Häfen geräumt. Die BBC liest die leichte Beruhigung als Atempause, nicht als Entspannung.
Vor dieser Kulisse wirbt eine Partei, deren Programm bislang vor allem durch Migrationspolitik und Verwaltungsreformen definiert war, um Kapital, das üblicherweise Regierungen, supranationale Institutionen oder große Emittenten adressieren. Reform UK tritt auf der eigenen Webseite als "Britains fastest growing political party" auf — eine Selbstaussage, deren Überprüfbarkeit hier nicht zu beurteilen ist, die aber den Expansionston der Bewegung verdeutlicht. Die Verbindung aus Wahlzuwachs, Spendengala in Mayfair und direkter Ansprache der Bond-Märkte ergibt ein Bild, das vor wenigen Jahren in der City als undenkbar für eine Oppositionspartei gegolten hätte.
Reform UK emittiert keine Anleihe im technischen Sinn. Die Wortwahl im FT-Bericht lautet "wooing" — Werbung, keine Bilanz. Das eingeworbene Kapital soll in Wahlkämpfe, Infrastruktur und programmatische Erweiterung fließen. Wer gibt, wurde beim Dinner nicht vollständig offengelegt; genannt werden ehemalige Tory-Spender, jene Schicht, die nach dem Regierungswechsel im britischen Konservatismus auf der Suche nach neuen Adressen ist. Was als Fundraising beginnt, hätte, würde die Partei es auf den Kapitalmarkt ausdehnen, andere Konsequenzen: Eine Emission würde die Formation an Maßstäben messen lassen, die für Fundmanager gelten, nicht für Mitgliedsanträge.
Die Volatilität der Anleihemärkte macht aktuell jeden Schritt teurer. Wer in einem Umfeld steigender Renditen Fremdkapital aufnimmt, zahlt einen Preis, der die Nervosität der Märkte einpreist. Eine Formation, die auf eigenes Profil und eigene Marktpräsenz baut, übernimmt damit zugleich ein Spread-Risiko, das in ruhigeren Wochen unsichtbar bleibt. Es ist der Preis, den zahlt, wer in stürmischer See Köder auslegt — die Fische, die anbeißen, sind vorsichtiger.
Bislang lesen sich die Indikatoren weniger nach Triumph als nach taktischer Bewegung. Die jüngsten Datenpunkte — Rendite nahe 5,75 Prozent auf 30-Jährige, ein globaler Sell-off, eine Spendengala im Stadtteil der Vermögensverwalter — ergeben zusammen keine Erfolgsmeldung. Sie ergeben die Spielstellung eines Brettes, auf dem Reform UK derzeit sowohl um Aufmerksamkeit als auch um Kapital spielt — in einem Moment, in dem die Welt lehrt, dass selbst die sicheren Häfen keine mehr sind.
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