Börse 1937
Terminal Tribune

4. September 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Wo die Antenne den Kranken kennt

4. September 2026 — — Prof. Kessler

1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.

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Im Osten der Demokratischen Republik Kongo tobt der siebzehnte Ebola-Ausbruch des Landes. Die Seuche trägt den Namen Bundibugyo — ein Stamm, gegen den weder ein zugelassener Impfstoff noch eine anerkannte Behandlung existiert. Seit dem fünfzehnten Mai dieses Jahres haben sich nach amtlichen Angaben mehr als sechstausendzweihundertfünfzig Menschen infiziert. Dreitausendneununddreißig sind gestorben. Sechs Provinzen melden Fälle. Die Weltgesundheitsorganisation spricht von der schnellsten Ausbreitung, die je registriert wurde.

Als Antwort greifen die Gesundheitsbehörden zu einem Instrument, das in der Ebola-Bekämpfung neu ist: anonymisierte Bewegungsdaten aus Mobilfunknetzen. Olivier Le Polain, Leiter der Epidemiologie im WHO-Programm für Gesundheitsnotfälle, sagt, Bevölkerungsbewegungen seien schon immer ein Faktor gewesen — in der jetzigen Epidemie aber besonders wichtig. Die Analyse stammt von Flowminder, einer schwedischen Nichtregierungsorganisation. Dessen Gründer Linus Bengtsson formuliert es so: Man wolle abschätzen, wie sich Menschen bewegen, weil dies vorhersage, wie sich Infizierte bewegen.

Die Daten liefert Vodacom, der größte Mobilfunkbetreiber des Landes, kostenlos. Das Unternehmen hat auf eine Anfrage um Stellungnahme nicht geantwortet. Das ist bemerkenswert. Hier liefert ein privater Quasi-Monopolist den Gesundheitsbehörden eines souveränen Staates ein Werkzeug, das Bewegungsprofile ganzer Regionen erzeugt. Über die Verträge — wer Zugang erhält, wie lange gespeichert wird, wer zu welchem Zweck Einsicht nehmen darf — schweigen sowohl Vodacom als auch die WHO in den veröffentlichten Mitteilungen.

Was bedeutet „anonymisiert" in diesem Zusammenhang? Die Handys der Bevölkerung melden sich beim Wechsel der Funkzelle an. Aus diesen Verbindungsdaten entstehen Bewegungsmuster, die zeigen, wann Gruppen von Anschlüssen zwischen Orten wandern. Individuelle Identitäten seien, so versichert Flowminder, nicht zugänglich. Aber aggregierte Daten, die Wanderungsströme abbilden, sind in einer Region mit dünn besiedelten Landstrichen und wenigen Metropolen granular genug, um bestimmte Bevölkerungsgruppen — die Minenarbeiter Ituris zum Beispiel, Marktbesucher, Familienverbünde — erkennbar zu machen. Re-Anonymisierung ist in der Forschung ein bekanntes Risiko. Ob die hier angewandten Verfahren dagegen gesichert sind, wird nicht offengelegt.

Ituri ist jene Provinz im Nordosten, in der das Virus nach bisherigem Verständnis zuerst zirkulierte. Le Polain nennt sie als Beispiel: erhebliche Bevölkerungsbewegungen, Bergbau, Handel. Die herkömmliche Risikoeinschätzung konzentriert sich auf Hotspots und deren Nachbarschaft. Mobilitätsdaten erlauben es, Risiken an Orten zu erkennen, die geographisch fern, aber durch Reisebeziehungen eng verbunden sind. Die erste Flowminder-Analyse wurde Anfang Juni veröffentlicht und befasste sich mit den drei Gebieten, in denen der Ausbruch zuerst auftrat.

Die Begründung verschiebt die Frage nicht. Was geschieht mit denselben Daten, wenn die nächste Krise kommt? Wenn nicht Ebola, sondern Aufruhr die Straßen beherrscht? Wenn ein Unternehmen, das heute kostenlos liefert, morgen verkaufen will? Die WHO erklärt, die Daten würden ausschließlich für die Seuchenreaktion verwendet. Wer kontrolliert das? Welche Behörde, welche Aufsicht, welches Gericht im Kongo kann einen Antrag auf Einsicht, Löschung oder Missbrauchsprüfung stellen? Die Antworten fehlen in den öffentlichen Mitteilungen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Mobilfunkdaten zur Krankheitsverfolgung herangezogen werden. In früheren Gesundheitskrisen haben Regierungen ähnliche Verfahren genutzt. Die rechtlichen Grundlagen waren jeweils verschieden. Im Kongo fehlt, soweit bekannt, ein parlamentarisch verabschiedetes Rahmengesetz, das den Zugriff auf Bewegungsdaten zu Gesundheitszwecken klar befristet, begrenzt und kontrolliert.

Eine Seuche ist ein Ernstfall. In einem Ernstfall werden Instrumente gebaut, die nach dem Ernstfall selten wieder abgebaut werden. Das hat die Geschichte der Wissenschaft zur Genüge gezeigt. Die WHO erklärt, man wolle Leben retten. Das ist glaubwürdig. Aber Glauben ist keine Aufsicht.

Am Ende bleibt nicht die Frage, ob das Verfahren funktioniert. Sondern: Wer schaut nach der Seuche noch hin, wenn die Aufzeichnungen längst in anderen Archiven ruhen?

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