Das Elbe-Bild von 1904: Ein Foto, kein Freispruch
Manche Behauptungen sterben nie. Sie werden nur in ein anderes Kleid gesteckt.
Im Juni 2022 taucht in sozialen Netzwerken ein historisches Foto auf. Es zeigt die Elbe bei Dresden im Jahr 1904. Der Wasserstand ist so niedrig, dass mancher Betrachter den Fluss kaum wiedererkennt. Die Botschaft, die das Bild begleitet, ist altbekannt: Seht her, schon vor 118 Jahren gab es Dürre. Also kann der menschengemachte Klimawandel nicht so schlimm sein. Oder gar nicht existieren.
Das Foto ist echt. Die Behauptung ist es nicht.
Die Faktenlage ist klar dokumentiert. Im Frühjahr und Sommer 1904 herrschte in Mitteleuropa tatsächlich eine ausgeprägte Trockenperiode. Seit Ende Mai 1904 hatte es kaum noch geregnet. Der Elbpegel in Dresden fiel ständig. Soweit die historische Beobachtung.
Nun zur Wissenschaft. Was sagt ein einzelnes Ereignis aus dem Jahr 1904 über den langfristigen Trend der globalen Erwärmung? Die ehrliche Antwort: Sehr wenig. Denn Wetter ist nicht Klima. Ein trockener Sommer ist kein Beleg gegen einen Temperaturanstieg, der über Jahrzehnte gemessen wird. Wer das verwechselt, verwechselt den einzelnen Tag mit dem Kalender. Diese Unterscheidung ist keine Spitzfindigkeit von Wissenschaftlern, sondern die Grundlage jeder seriösen Klimaforschung. Wer sie ignoriert, kann jede Statistik widerlegen — und jede auch beweisen.
Matthias Mauder, Professor für Meteorologie an der Technischen Universität Dresden, hat dies gegenüber AFP unmissverständlich formuliert. In seiner Stellungnahme vom 3. Juni 2022 schrieb er: Generell ist es wissenschaftlich nicht haltbar, aus einem historischen Einzelereignis Rückschlüsse auf den Klimawandel zu ziehen. Das ist keine Meinung eines Aktivisten. Das ist methodische Grundlage jeder Klimaforschung.
Die Argumentation, die das Foto von 1904 gegen den Klimawandel ins Feld führt, funktioniert nur, wenn man den physikalischen Rahmen ignoriert. Seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnung steigt die globale Durchschnittstemperatur. Die Konzentration von CO2 in der Atmosphäre hat sich seit der vorindustriellen Zeit um mehr als fünfzig Prozent erhöht. Gletscher weltweit schrumpfen. Die Häufigkeit von Hitzewellen nimmt zu. Der Meeresspiegel steigt. All das lässt sich mit Daten belegen, die nicht aus einem einzelnen Foto stammen, sondern aus Messnetzen, die den Planeten umspannen.
Was das Elbe-Foto von 1904 zeigt, ist ein Niedrigwasserereignis. Was der menschengemachte Klimawandel bewirkt, ist eine statistische Verschiebung hin zu häufigeren und intensiveren Extremereignissen. Beides schließt sich nicht aus. Im Gegenteil: Die Klimaforschung erwartet, dass solche Trockenphasen in Mitteleuropa unter fortschreitender Erwärmung wahrscheinlicher werden. Das 1904er Ereignis als Gegenbeweis zu lesen, kehrt die Argumentation in ihr Gegenteil.
Auch die Faktenchecker von Correctiv haben das Foto im Juni 2022 geprüft. Ihr Urteil: Das Bild dokumentiert ein historisches Niedrigwasser, ja. Es beweist keinen Klimaschwindel, nein. Die Schwäbische Zeitung und die Mitteldeutsche Zeitung haben die Einordnung aufgegriffen und in eigenen Beiträgen dargelegt, warum historische Dürren kein Argument gegen den Klimawandel sind.
Die Methode hinter diesem Argument ist uralt. Man nehme einen Datenpunkt aus der Vergangenheit, isoliere ihn vom Kontext, und präsentiere ihn als Widerlegung eines Trends. In dreißig Jahren Wissenschaftsberichterstattung habe ich diese Mechanik in Dutzenden Feldern gesehen. Bei der Tabakforschung. Bei der Asbestdiskussion. Bei der Debatte um sauren Regen. Immer dieselbe Struktur. Ein einzelner Wert, aus dem Zusammenhang gerissen, soll ein ganzes System widerlegen.
Es lohnt sich, einen Moment bei der Mechanik zu verweilen. Ein Foto zeigt einen Augenblick. Die Klimaforschung arbeitet mit Zeitreihen, Mittelwerten, Varianzen, Standardabweichungen. Sie vergleicht Dreißig-Jahres-Perioden miteinander, wie es die Weltorganisation für Meteorologie festgelegt hat. Ein einzelnes Jahr, ein einzelner Sommer, geht in diesen Mittelwert ein, verschwindet darin, ändert ihn kaum. Wer aus einem Punkt eine Linie zeichnen will, betreibt keine Wissenschaft, sondern Rhetorik.
Die Frage ist nicht, ob 1904 die Elbe niedrig war. Die Frage ist, ob ein Foto aus der Kaiserzeit die Daten von mehr als einem Jahrhundert meteorologischer Aufzeichnung entkräften kann. Wer das behauptet, sollte zuerst erklären, woher er seine Skala nimmt.
Mein Pfeifenkopf ist längst kalt. Auf dem Schreibtisch liegen Zahlenreihen, die älter sind als das Foto, das gerade durch das Netz geistert. Sie alle zeigen in dieselbe Richtung.
Was muss eigentlich noch gemessen werden, damit ein historisches Foto mehr zählt als ein Jahrhundert Daten?
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