Geständnis im Marmorsaal: Das Met und sein Galliano
Die Metropolitan Museum of Art hat sich entschuldigt. Auf ihre Art, versteht sich. Nicht mit gesenktem Haupt, sondern mit wohlgesetzten Worten, formuliert von Menschen, die wissen, dass jede Silbe gewogen wird. Eine knappe Mitteilung, und ein Mann verschwindet aus dem Programm, der zwölf Jahre lang darum gerungen hatte, in die hellen Säle der Legitimation zurückzukehren.
John Galliano, der Designer, dessen Karriere 2011 in einem Pariser Café zerbrach – antisemitische Ausfälle, ein Geständnis vor Gericht, eine Verurteilung wegen Hassdelikts, der unvermeidliche Aufenthalt in einer Entzugsklinik –, sollte im Mai 2027 mit einer Ausstellung und dem glamourösesten Stelldichein der Modewelt gefeiert werden. „John Galliano: Horizons" lautete der Titel des Vorhabens, das Anna Wintour, Museumsdirektor Max Hollein und Kurator Andrew Bolton gemeinsam ausgearbeitet hatten. Am vergangenen Wochenende wurde das Projekt begraben. Galliano selbst trug den Leichenzug. Auf Instagram, versteht sich.
„In großer Traurigkeit", schrieb der 65-Jährige, „habe ich entschieden, dass es das Beste ist, wenn die Ausstellung zu diesem Zeitpunkt nicht stattfindet." Das Wörtchen „zu diesem Zeitpunkt" ist von besonderer Beschaffenheit. Es lässt offen, was später kommen mag. Es ist die Sprache eines Mannes, der weiß, dass die Tür nicht zugeschlagen, nur angelehnt wurde.
Die offizielle Lesart: Das Museum habe einen „schwerwiegenden Fehler" eingesehen und korrigiert. So formulierte es Julie Menin, Sprecherin des New Yorker Stadtrats und erste jüdische Amtsinhaberin in dieser Position, in einem Brief an Hollein, Bolton und Wintour. Sie nannte das Vorhaben einen „serious mistake". Sie verwies auf Berichte über einen weiteren Vorfall aus dem Jahr 2019, der nie untersucht worden sei. Sie erinnerte daran, dass sie die Tochter eines Holocaust-Überlebenden sei. Diese drei Sätze wiegen schwer – so schwer, dass das Met sie nicht unbeantwortet lassen konnte. Beobachter sprachen von einem „tonlosen Moment", der das Vermächtnis Wintours als Hüterin der Modeeliten hätte beschädigen können.
Die andere Lesart: Ein Vorhaben wurde unter dem Druck externer Akteure, drohender Spendenverluste und einer Welle öffentlicher Kritik gestoppt. Jonathan Greenblatt, der nationale Direktor der Anti-Defamation League, soll sich mit Verantwortlichen des Museums getroffen haben, um auf eine Absage zu drängen. Die genauen Inhalte dieser Gespräche sind nicht öffentlich. Die Tatsache, dass sie stattfanden, schon.
Am Sonntag, so berichtet die „New York Post", trat die Museumsleitung zu einer eilig einberufenen Sondersitzung zusammen. Ein Insider, der ungenannt bleiben möchte, bestätigte die Dringlichkeit. Seit Tagen sei hinter den Kulissen diskutiert worden, ob die Entscheidung rückgängig gemacht werden solle. Die „New York Times" ergänzte: Trustees und Vorstandsmitglieder hätten „Schadensbegrenzung" betrieben. Manche Spender hätten mit dem Entzug ihrer Zuwendungen gedroht.
Hinzu kam ein kalendarischer Umstand, den niemand übersehen konnte: Der erste Montag im Mai 2027, der traditionelle Termin der Met Gala, fällt auf Jom HaShoah, den Holocaust-Gedenktag. Die Symbolik war so offenbar, dass eine Verschiebung als unzureichend erschien. Die Streichung als einzig mögliche Form der Distanzierung.
Galliano selbst reagierte mit einer Erklärung, die den Spagat zwischen Eingeständnis und Bewahrung der eigenen Würde bemerkenswert offen vorführt. „Ich bleibe vollständig verantwortlich für den Schmerz, den meine Äußerungen in der Vergangenheit verursacht haben", schrieb er. „Ich erkenne, dass echte Sühne nicht durch eine Ausstellung, institutionelle Anerkennung oder eine einzelne öffentliche Geste erreicht wird." Wer so spricht, hat seinen Anwalt oder sein PR-Büro lange vor sich gehabt.
Anna Wintour nannte die Entscheidung „sehr mutig" und ein „Maß für den Mann, der er ist". Dass eine Absage, die unter massivem Druck zustande kam, als persönliche Größe umformuliert wird, ist die kleine Grammatik der Macht, mit der diese Welt sich ihre Geschichten selbst erzählt. Der designierte Themenabend des Met, einst als Krönung einer langjährigen Rehabilitation geplant, wird zu einem „Zeitpunkt" der Verschiebung. Ein neues Thema soll „zu einem späteren Zeitpunkt" angekündigt werden.
Die offenen Fragen bleiben. Was genau hat Greenblatt in seinen Gesprächen mit den Museumsverantwortlichen gesagt? Welche Drohungen wurden ausgesprochen, von wem, in welcher Form? Was ist mit dem Vorfall aus dem Jahr 2019, den Menin erwähnte, und warum wurde er nie untersucht? Wer im Museum hat das Vorhaben ursprünglich befürwortet, auf welcher Grundlage, mit welchen Beteuerungen? Welche Rolle spielten Wintours Beziehungen in eine Modeszene, die Galliano über die Jahre wieder hoffähig gemacht hatte – auf dem roten Teppich der Met Gala 2024 an der Seite von Kim Kardashian? Vor dem Hintergrund dieser unbeantworteten Fragen wirkt die offizielle Linie weniger wie ein ethisches Erwachen denn wie ein taktischer Rückzug in letzter Minute.
Die Stimmen, die das Vorhaben von Anfang an kritisierten, waren nicht leise. „Anna Wintour muss sich sehr wohl dabei fühlen, einen Nazi-liebenden Antisemiten zu umarmen, um die Reputation des Met hinter seine Rehabilitation zu stellen", sagte Brooke Goldstein, Gründerin der Organisation End Jew Hatred. Eitan Guttenmacher, Geschäftsführer der jüdischen Künstlergruppe Havura, sagte der „New York Post": „Das Met ging das Risiko ein, weil es glaubte, damit durchzukommen. Ich glaube nicht, dass sie eine Figur gebucht hätten, die wegen anderer Formen von Diskriminierung verurteilt wurde. Es ist Mode, Antisemitismus in dieser Branche zu übersehen." Ein Besucher aus Brooklyn, der Künstler Richmond Jeffrey, sagte nur: „[Er soll] einfach verschwinden."
Die offizielle Linie lautet: Ein schwerwiegender Fehler wurde erkannt, korrigiert und abgeschlossen. Eine andere Lesart lautet: Die Entscheidung wurde trotz der Kontroverse getroffen, dann unter dem Druck politischer Akteure, religiöser Organisationen und drohender finanzieller Konsequenzen revidiert. Beide Erzählungen stimmen in einzelnen Punkten. Beide sind unvollständig.
Was bleibt, ist ein Museum, das sich entschuldigt hat – auf seine Art, in seinem Tempo, mit seinen Worten. Und ein Mann, der geht, mit dem Versprechen, vielleicht einmal zurückzukehren. In New York, wo jede Tür einen Schlüssel hat, und jede Entschuldigung einen Preis.
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