Spurensuche im Exil — CORRECTIV und querstadtein führen durch Berlin
Eine Stadtführung ist nie nur ein Spaziergang. Sie ist eine Choreografie des Blickes, eine Inszenierung dessen, was wir für Geschichte halten, während es noch gar nicht aufgehört hat, Gegenwart zu sein. Wenn nun CORRECTIV, jene Redaktion, die sich selbst als gemeinnützig und unabhängig beschreibt, gemeinsam mit dem Verein querstadtein neue Stadtrundgänge durch Berlin entwickelt, dann lohnt es sich, weniger auf den Anlass zu schauen als auf das, was zwischen den Zeilen mitgeteilt wird.
Die Ankündigung selbst ist zurückhaltend formuliert. Zeitpunkt, Ort und konkrete Routen der Führungen fehlen in der Mitteilung, die am vierten September dieses Jahres auf der Plattform des Recherchebüros erschien. Was bleibt, ist die Skizze eines Vorhabens: Exilierte Medienschaffende sollen als Stadtführerinnen und Stadtführer durch die Hauptstadt führen und dabei von ihrer Heimat, ihrer Flucht und ihrem Neuanfang erzählen. Es geht um Pressefreiheit, um Migration, um die Frage, was es bedeutet, in einem Land zu arbeiten, das nicht das eigene ist. So weit, so lesbar.
Man darf das beim Namen nennen, was hier zusammengeführt wird: zwei Institutionen, die beide beanspruchen, demokratische Werte zu stärken. CORRECTIV bringt journalistische Expertise und Kontakte zu exilierten Medienschaffenden aus aller Welt ein. Querstadtein, nach eigenem Bekunden seit langem erfahren in biografischer und stadtraumbezogener politischer Bildung, ergänzt das Format. Die Logik der Kooperation ist einleuchtend. Wer in Berlin lebt, hat diese Stadt schon oft genug erklärt bekommen — von Fremdenführern, von Influencern, von jenen, die das Brandenburger Tor im Vorbeigehen abhaken. Hier soll es anders zugehen: geführt von Menschen, die selbst aus Systemen stammen, in denen eine andere Art von Erklären lebensgefährlich war. Man darf fragen, wer dabei wessen Bühne betritt.
Hunderte exilierte Journalistinnen, Journalisten, Künstlerinnen und Künstler haben nach Angaben von CORRECTIV in Deutschland Zuflucht gefunden, die meisten davon in Berlin. Ihre Stimmen, so die Argumentation der Redaktion, finden im öffentlichen Raum kaum Gehör, denn es gebe nur wenige Räume, in denen Expertise und Erfahrungen sichtbar würden. Das neue Projekt versteht sich als Gegenmittel: biografische Zugänge an konkreten Orten, persönliche Geschichten, die politische und gesellschaftliche Zusammenhänge sichtbar machen sollen. Schulklassen, Unternehmen, Organisationen, Journalistinnen und Privatpersonen — allen soll das Angebot offenstehen.
Es klingt, wie vieles in diesem Land klingt: nach Bildung, nach Aufklärung, nach dem aufrechten Gang. Man wird abwarten müssen, was daraus wird. Denn eine Kooperationsankündigung ist noch keine Stadtführung, und eine Stadtführung ist noch keine politische Wirkung. Was bleibt, ist die Mitteilung, präzise in dem, was sie sagt, und auffallend zurückhaltend in dem, was sie verschweigt — Datum, Route, Namen derjenigen, die künftig durch Kreuzberg, Mitte oder Moabit führen werden. Vielleicht ist das Vorsicht. Vielleicht ist es das übliche Marketing. Vielleicht ist es beides.
Eine unabhängige Bestätigung des Vorhabens über die CORRECTIV-Mitteilung hinaus liegt derzeit nur in Form einer eigenen Bekanntmachung von querstadtein vor, die die Zusammenarbeit ihrerseits ankündigt und betont, dass Journalismus, Kunst, Demokratie, Exil und Migration miteinander verbunden werden sollen. Ob die Führungen tatsächlich stattfinden werden, welche Routen sie nehmen, wer am Ende die Sätze spricht, die später auf Plakaten stehen — all das ist noch nicht gesagt. Und solange es nicht gesagt ist, bleibt nur die Architektur der Ankündigung. Sie ist, für sich genommen, ein Dokument ihrer Zeit. Wer aufmerksam liest, erkennt die Konturen eines Vorhabens, das mehr verspricht, als es datiert. Das allein ist noch kein Vergehen. Aber es ist, wer die Berliner Presselandschaft kennt, ein vertrauter Auftakt.
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