Ein See, zwei Ozeane und ein Vertrag, den niemand mehr liest
Es gibt Momente, in denen die Geschichte ihre Handschuhe auszieht und man zuschauen darf, wie sie jemandem die Maske vom Gesicht reißt. Einer dieser Momente ereignete sich an einem Donnerstag im Oval Office, als ein Präsident, umgeben von Kameras und einem Innenminister namens Doug Burgum, einen Füller zur Hand nahm und einen See umtaufte.
Lake Ontario, so hieß das Gewässer seit vierhundert Jahren, abgeleitet vom Wendat/Huron-Wort Ontari'io, "der See ist schön, der See ist groß". Nun heißt es Lake America. Per Unterschrift. "Official, effective immediately", wie es heißt, wenn Männer, die sich für unfehlbar halten, glauben, dass ihre Tinte schwerer wiegt als vier Jahrhunderte.
Die Order, eine Executive Order, weist das Innenministerium an, binnen dreißig Tagen den Namen im föderalen Geographic Names Information System zu ändern und sämtliche Verweise auf "Lake Ontario" aus Bundesdokumenten, Verträgen und Kommunikation zu tilgen. Der Orden gilt nicht für Kanada. Das Land, das den See ebenfalls umfasst, behält seinen Namen. So entsteht auf der Landkarte dasselbe Phänomen, das man von geteilten Städten kennt: dieselbe Geographie, zwei Sprachen, zwei Wirklichkeiten. Nur dass hier eine der Wirklichkeiten per Federstrich fabriziert wurde.
Doch der Präsident beließ es nicht bei einem Binnengewässer. Mit der Leichtigkeit eines Mannes, der gerade erst eine Bucht umgetauft hat, schaute er in die Kameras und sprach weiter: "We have a gulf and we have a lake. Now all we need is an ocean. So maybe we'll have to change the name of the Atlantic and or the Pacific. Maybe we'll change them both." Der Golf von Mexiko, bereits am ersten Amtstag per Executive Order 14172, "Restoring Names That Honor American Greatness", in Gulf of America umbenannt, ist die Ouvertüre. Lake America die zweite Bewegung. Atlantik und Pazifik, so die Ankündigung, könnten das Finale sein.
Es ist, so möchte man sagen, ein Akt der Kartographie als Bekenntnisschreiben. Eine Namensgebung wird zur Souveränitätsgeste, und die Souveränitätsgeste zum Werkzeug in einem Handelskrieg, der Kanada seit Wochen mit fünfzigprozentigen Zöllen überzieht. Der See, wohl mit der gleichnamigen kanadischen Provinz verwechselt, wird zum Stellvertreter eines Konflikts, der an Schärfe zunimmt. Mark Carney, Kanadas Premierminister, hat "dollar for dollar" geantwortet. Was bleibt, ist ein Gewässer mit doppeltem Namen und die Frage, was geschieht, wenn zwei Rechtsordnungen dasselbe Wasser unterschiedlich adressieren.
Die Antwort darauf ist juristisch so unbequem wie politisch delikat. Internationale Verträge, Seegrenzen, Fischereirechte, Umweltabkommen — sie alle referenzieren Gewässernamen, die nun, zumindest auf amerikanischen Dokumenten, nicht mehr gelten. Was geschieht mit einem Fischereirecht, das im "Lake Ontario" verankert ist, wenn die USA fortan nur noch "Lake America" drucken? Was geschieht mit bilateralen Abkommen zur Reinhaltung der Großen Seen? Was geschieht mit dem Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen, das den Namen eines Gewässers als Faktum behandelt, nicht als Dekret?
Hier, an dieser Schnittstelle zwischen Tintenstrich und Völkerrecht, wird die Komik der Geste zu etwas anderem. Sie wird zur Frage, wie weit die Exekutive gehen darf, wenn sie die Landkarte zur politischen Waffe umfunktioniert. Der Kongress schweigt. Die Gerichte sind nicht angerufen. Und so schreitet das Imaginierte voran, getragen von der Überzeugung, dass eine Unterschrift genügt, um die Geographie neu zu sortieren.
Es gibt jedoch ein Korrektiv, das älter ist als jede Order aus Washington. Am Tag nach der Unterzeichnung schrieb J. Conrad Seneca, Präsident der Seneca Nation of Indians, einen Brief. Er nannte die Order "unpresidential". Er erinnerte daran, dass der See in der traditionellen Sprache seines Volkes sga:nyodai:yoh heiße, "schöner See". Er verwies auf den Vertrag von Canandaigua aus dem Jahr 1794, den George Washington unterzeichnet hatte und der den Seneca und anderen Haudenosaunee-Nationen "den freien Genuss und die Nutzung unserer Ländereien auf ewig" zusicherte. Er argumentierte, die Order verletze diesen Vertrag, diesen Frieden, diese Freundschaft. Er erinnerte an Artikel 6 der amerikanischen Verfassung, der solche Verträge zum höchsten Recht des Landes erklärt.
Hier also steht eine Stimme, die nicht aus Washington kommt, nicht aus Ottawa, nicht aus den Redaktionen der Hauptstädte, sondern aus einer Tradition, die älter ist als die Republik, die den See umbenannt hat. Sie sagt, sehr ruhig, sehr präzise: dieser See ist kein Bauer auf einem Schachbrett. Dieser See ist ein Ort. Dieser See hat einen Namen, der älter ist als jede Flagge, die je über ihm wehte.
Man kann über die Symbolik lächeln. Man kann die Geste als theatralisch abtun, als Wahlkampf, als Ablenkungsmanöver. Man kann all das. Nur sollte man dabei nicht vergessen, dass am Ende einer solchen Logik die Ozeane warten. Und dass die Ozeane, einmal umbenannt, nicht mehr zurückschauen.
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