Die Logik des doppelten Blicks
Es gibt Widersprüche, die sind keine Fehler. Es sind Konstruktionen.
Wer dieser Tage durch Magdeburg fährt, sieht eine Deutschlandflagge neben einer AfD-Fahne im Schrebergarten flattern, „Alles ist möglich" auf den Wahlplakaten, und hört aus den Kneipen eine Erzählung, die sich mit dem, was Forschungseinrichtungen und Verfassungsschützer zu Protokoll geben, nur noch entfernt verwandt zeigt. So weit, so bekannt. Spannend wird es, wenn man die Erzählung selbst seziert — die Mechanik dessen, was AfD-Wähler glauben, und was sie gleichzeitig nicht glauben.
Der Standard hat in Sachsen-Anhalt mit Wählern gesprochen. Das Ergebnis liest sich wie ein gut komponiertes Kammerspiel: Dieselben Menschen, die ihre Partei als nicht rechts beschreiben, attestieren ihr im selben Atemzug konservative Werte, demokratische Legitimität und das Eintreten für die kleinen Leute. Sie glauben, dass die AfD sich nicht gegen Klimapolitik stellt. Sie glauben, dass die AfD nicht rassistisch ist. Sie glauben, dass sie nicht rechts ist.
Nun die andere Seite der Medaille. Dieselbe Partei wird vom Bundesamt für Verfassungsschutz als rechtsextremer Verdachtsfall geführt, einzelne Landesverbände gelten als gesichert rechtsextrem. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte sie 20,8 Prozent der Zweitstimmen. Externe Beobachter — von Correctiv über wissenschaftliche Analysen bis zu den Berichten der Dokumentationsstellen — zeichnen ein Bild, das mit dem der Wählerschaft nicht korrespondiert, sondern ihm widerspricht.
Es ist genau dieses Nebeneinander, das Aufmerksamkeit verdient. Nicht die eine oder die andere Behauptung — beide kursieren seit Jahren im öffentlichen Raum. Die Frage ist, wie sie im selben Kopf koexistieren können.
Betrachten wir die Bausteine im Detail. Quelle A — der Wähler — sagt: „Die AfD ist nicht rechts." Quelle B — Verfassungsschutz, Correctiv, Faktenchecks — sagt: „Die AfD ist rechtsextrem." Quelle A sagt: „Die AfD ist nicht rechts." Quelle B sagt: „Die AfD ist rechts." Quelle A beschreibt die AfD als nicht rechts; Quelle B beschreibt sie als rechtsextrem. Drei Wortpaare, drei Mal dasselbe Muster. Die externe Einordnung und die Selbstwahrnehmung fallen auseinander — nicht gelegentlich, sondern systematisch.
Besonders aufschlussreich ist das Begriffspaar „demokratisch gewählt" und „nicht demokratisch". Beides stimmt. Auch eine rechtsextreme Partei kann demokratisch gewählt werden — die Wahlurne macht noch keine demokratische Gesinnung. Die Aussage „demokratisch gewählt" ist eine Verfahrensbeschreibung, kein Gütesiegel. Sie zu verwenden, um die Frage nach der demokratischen Haltung der Partei zu schließen, ist eine elegante Verräumlichung des Problems: Man verschiebt es vom Inhalt auf den Wahlakt.
Der Sozialforscher Andreas Herteux hat in einem Essay für Focus eine Erklärung vorgelegt. Die Gesellschaft fragmentiere sich in Milieus, die sich gegenseitig nicht mehr brauchen, um den eigenen Wert zu bestätigen. Jedes Milieu konstruiere seine eigene Wirklichkeit. Was wie eine Analyse der AfD daherkommt, ist in Wahrheit eine Beschreibung des Aggregats, das sie trägt.
Die Stärke der AfD liegt nicht allein in ihren Inhalten, sondern in der Fähigkeit ihrer Anhängerschaft, eine kohärente Gegenwelt zu errichten — eine, in der dieselben Fakten etwas anderes bedeuten können. „Nicht rechts" und „rechtsextrem" schließen sich in dieser Logik nicht aus, weil beide Begriffe unterschiedlichen Adressaten gelten. Die externe Zuschreibung stammt von Medien, Verfassungsschutz, Wissenschaft — Institutionen, denen im eigenen Narrativ per Definition misstraut wird. Die Selbstbeschreibung kommt aus dem Wirtshaus, der Familie, dem vertrauten Umfeld. Welche Information schwerer wiegt, ist keine Frage der Evidenz, sondern der Zugehörigkeit.
Es ist, als würde man zwei Verträge zur selben Sache vorlegen, beide unterschrieben, beide in unterschiedlichen Sprachen — und darauf bestehen, dass beide gleichzeitig gelten. Was in Genf noch als diplomatische Curiosität erschiene, ist in Sachsen-Anhalt Alltag. Dass jede kritische Berichterstattung — vom Einzelhändler bis zum Fußballverein, wie Kommentatoren auf Junge Freiheit anmerken — als Bestätigung dieser Gegenwelt gelesen wird, ist nicht Störung, sondern Mechanik.
Und so stehen wir vor einer Datenlage, die sich nicht durch mehr Daten auflösen lässt, sondern durch mehr Aufmerksamkeit für die Grammatik, in der sie verarbeitet werden. Die AfD wird nicht trotz der Widersprüche gewählt, sondern mit ihnen. Die Selbstwahrnehmung „nicht rechts" ist nicht trotz der externen Klassifikation als „rechtsextrem" entstanden, sondern als deren Gegengewicht konstruiert. Die Diskrepanz ist das Produkt, nicht der Fehler im System.
Wer das versteht, hört auf zu fragen, warum 20,8 Prozent der Zweitstimmen an eine Partei gehen, die von einem Teil der Wähler als nicht rechts und vom Verfassungsschutz als rechtsextrem geführt wird. Die Frage ist nicht mehr primär, warum diese Menschen so wählen. Die Frage ist, warum wir so lange so getan haben, als seien das zwei verschiedene Diagnosen.
Es ist eine Sache, seine Meinung zu haben. Es ist eine andere, in einer Welt zu leben, in der dieselben Tatsachen zwei Sorten Wahrheit erzeugen — und beide Sorten gleichermaßen verbindlich sind. Was hier zerbricht, ist nicht das Vertrauen in eine Partei. Was hier zerbricht, ist die Vorstellung, dass Wahrnehmung und Wirklichkeit sich irgendwo treffen müssen.
Die Handschuhe bleiben an. Sie schon lange.
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