O'Briens Wende — und die Frage, was die Basis verliert
Es gibt Sätze, die wie Türöffner klingen und wie Türschließer wirken. Sean O'Brien, General President der International Brotherhood of Teamsters, hat einen solchen Satz gesprochen, und er hat ihn an einen Republikaner gerichtet. „Sen. Marshall has proven time and time again that he is a friend of labor", zitiert Fox News Digital aus einer Erklärung, die der Gewerkschaftschef zuerst dieser Redaktion zukommen ließ. Roger Marshall, republikanischer Senator aus Kansas, kandidiert für eine zweite Amtszeit, und das Rennen um seinen Sitz gilt als mitentscheidend für die Mehrheitsverhältnisse im Senat.
Die Worte, die O'Brien wählte, lesen sich wie aus einem Lehrbuch der politischen Freundschaft: bewährt, wiederholt bewiesen, ein Freund der Arbeit. Wer den Satz hört, könnte glauben, hier spräche ein Mann, der eine lange gemeinsame Geschichte zu erzählen hat. Wer genauer hinhört, erkennt darin einen anderen Mechanismus — den des Tausches, der sich als Bekenntnis verkleidet.
Denn der Senator, dem diese Worte gelten, sitzt nicht zufällig im Ausschuss für Gesundheit, Bildung, Arbeit und Pensionen, dem HELP Committee des US-Senats. Er hat nach O'Briens Darstellung wiederholt bewiesen, dass er bereit ist, mit den Teamsters zusammenzuarbeiten — „even when it requires breaking rank with his own party", auch wenn es ihn mit seiner eigenen Fraktion in Konflikt bringe. Das ist die Pointe, die das Zitat enthält, ohne sie auszusprechen: Ein republikanischer Senator, der gelegentlich mit seiner eigenen Partei bricht, ist für eine Gewerkschaft, die über Jahrzehnte hinweg im demokratischen Lager verankert war, ein ungewöhnlicher Verbündeter. Es ist ein Verbündeter, der seine Biegsamkeit als Tugend anbietet.
Die Zustimmung aus dem Hauptquartier wurde von einer lokalen Kapitelstimme flankiert. Teamsters Local 696 mit Sitz in Topeka, Kansas, schloss sich dem Votum an. Ihr Präsident Mike Scribner sprach von einem Kandidaten, „der weiterhin eine Stimme für die hart arbeitenden Menschen unseres großartigen Staates ist", und dieser Kandidat sei Marshall. „Kansas Teamsters need someone in Washington who is willing to fight on their behalf", Kansas brauche jemanden in Washington, der für sie kämpfe.
Die Choreographie ist alt, doch die Besetzung hat sich verändert. Wer den Lebenslauf des Mannes, der da empfiehlt, an diesem Punkt zusammensetzt, erkennt die Bruchlinien, die dieser Empfehlung vorausgegangen sind. O'Brien trat 2024 als einer der Eröffnungsredner beim Republican National Convention auf — eine Rolle, die das Establishment der organisierten Arbeit in den Vereinigten Staaten seit Generationen nicht innehatte. Er baute eine politische Allianz mit Senator Josh Hawley aus Missouri auf, einem der verlässlichsten Verbündeten von Präsident Donald Trump. Und er unterstützte die Nominierung von Markwayne Mullin zum Heimatschutzminister — desselben Markwayne Mullin, der vor zwei Jahren im Senat fast handgreiflich mit ihm geworden wäre, in einem Zwischenfall, den die Plattform Snopes dokumentierte und der durch ein Video der Kongressanhörung im Internet belegt ist.
Diese Geste — die Fürsprache für einen Mann, mit dem man sich beinahe geschlagen hätte — ist keine Petitesse. Sie ist ein Hinweis darauf, wie schnell in dieser neuen Konstellation frühere Feindschaften zu Eintrittskarten werden können.
Was hat Roger Marshall konkret getan, um dieses Wohlwollen zu verdienen? Die Quellen nennen drei Vorhaben: den Faster Labor Contracts Act, einen Entwurf von Senator Hawley; den Warehouse Worker Protection Act, eingebracht vom Demokraten Ed Markey aus Massachusetts; sowie den Railway Safety Act, der Marshalls eigene Signatur trägt. Daneben habe er die gesetzliche Initiative zur Überstundenvergütung angeführt, deren genauer Inhalt im vorliegenden Material abgeschnitten ist und hier nicht rekonstruiert werden kann. Was sich sagen lässt: Marshall hat sich an Vorlagen beteiligt, die in ihrer Richtung gewerkschaftliche Anliegen bedienen, unabhängig davon, welche Fraktion sie eingebracht hat.
Damit ist das Bild, das die Quellen erlauben, gezeichnet, und es ist ein Bild mit einer auffälligen Leerstelle. Über die Mitgliederzahlen, über die Reaktion der lokalen Basis in Kansas, über etwaige interne Debatten vor diesem Votum verlautet aus dem vorliegenden Material nichts. Die einzige Stimme, die wir hören, ist die der Führungsebene; sie spricht mit einer Sicherheit, die keine Reibung erkennen lässt.
Es ist diese Stille, die den Bericht notwendig macht. Denn eine Gewerkschaft ist keine diplomatische Vertretung, auch wenn ihre Präsidenten mitunter so auftreten, als wäre sie eine. Eine Gewerkschaft lebt von der Loyalität ihrer Mitglieder, und eine Loyalität, die ohne erkennbare Gegenleistung an eine Partei verschenkt wird, die historisch nicht die ihre war, hat einen Preis. Wie hoch er ist, wird sich an den Verhandlungstischen der nächsten Tarifzyklen zeigen — an den Werkstoren, nicht auf den Pressekonferenzen.
Die International Brotherhood of Teamsters blickt auf eine Geschichte zurück, in der das Verhältnis zur jeweiligen Regierung mitunter pragmatisch, mitunter unterwürfig war. Während des Zweiten Weltkriegs, so hält die Enzyklopädie fest, unterstützte die Gewerkschaft das No-Strike-Versprechen der amerikanischen Arbeiterbewegung und erklärte sich bereit, während der nationalen Notlage nicht zu streiken und die Konkurrenz unter den Gewerkschaften ruhen zu lassen. Es war eine Vereinbarung, die im Geist der Notwehr getroffen wurde — und die zeigt, dass die Teamsters zu großen Zugeständnissen fähig sind, wenn die Umstände es verlangen.
Ob die Umstände es heute verlangen, ob es sich um eine kluge taktische Öffnung handelt oder um eine Verschiebung, die eines Tages von der Basis eingefordert wird, ist eine Frage, die dieser Bericht nicht beantworten kann. Er kann nur festhalten, was geschehen ist: dass der mächtigste Gewerkschaftsführer des Landes einem republikanischen Senator in einem Senatsrennen, das über die Mehrheit entscheiden kann, die Hand reicht — und dass er es mit einer Leichtigkeit tut, die jeden erinnert, der einmal in Genf Verträge gesehen hat, die mit Handschlag besiegelt und nie eingehalten wurden.
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