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Terminal Tribune

5. September 2026

Dossier · Politik & Macht

chlinien unter der Oberfläche

5. September 2026 — — Kastner

Sonntag wählt Sachsen-Anhalt, und die Welt schaut zu, wie sie immer zusieht: mit gefalteten Händen und offenem Mund. Die Alternative für Deutschland, so beschreibt es die BBC-Berichterstatterin Jessica Parker in ihrer Analyse vom September 2026, steuert auf einen Wendepunkt zu, der das bundesrepublikanische Selbstverständnis erschüttern könnte. Ein Sieg der Partei bei der Landtagswahl wäre demnach das erste Mal in der Nachkriegsgeschichte, dass eine als rechtsaußen eingestufte Formation staatliche Macht auf Länderebene erringt. Ulrich Siegmund, 35, auf einem alten DDR-Roller durch die Menge, umschwärmt von Anhängern, vom Spiegel einst als „Deutschlands gefährlichster Mann" tituliert – die Inszenierung wirkt wie aus dem Drehbuch einer Ära, die man für beendet hielt.

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Doch während die Berliner Bühne ihren Auftritt absolviert, spielt sich ein zweites Drama ab, leiser, tiefer, für die Kameras unsichtbar: die Frage, was diese Verschiebung mit jenen Millionen Menschen macht, die türkische Wurzeln in Deutschland tragen. Die Kolumnistin Ayşegül Çolak hat in der Daily Sabah, dem Sprachrohr der regierungsnahen türkischen Publizistik, den Blick auf genau diese Frage gelenkt. Ihr Text, der in unseren Redaktionsräumen auf den Tisch kam, liest sich wie ein seismographischer Ausschlag.

Die Bruchlinie verläuft nicht, wie manche glauben mögen, zwischen Einheimischen und Zugewanderten. Sie verläuft zwischen den Erzählungen. Auf der einen Seite steht ein Narrativ, das von Quellen wie der BBC, dem Guardian und analytischen Beiträgen wie jenen Tim Gansers gestützt wird: Die AfD, so der Befund, ist eine rechtsradikale Partei, deren Erfolg in den östlichen Bundesländern auf einer Mischung aus wirtschaftlicher Frustration, Migrationskritik und einem Revival nationalistischer Rhetorik beruht, das bis in die Sphäre des Trump-Lagers hinein wahrgenommen wird. Auf der anderen Seite existiert ein Gegenentwurf – und hier, verehrte Leser, beginnt das Minenfeld.

Denn es gibt Stimmen, die diese Einordnung bestreiten. Wir behandeln derartige Darstellungen mit der Vorsicht, die ihnen gebührt: als unbestätigte Behauptungen, deren Herkunft zu prüfen ist, bevor sie journalistische Münze werden können. Wer die AfD lediglich als Stimme des „besorgten Bürgers" rahmen will, wer Migrationskritik als legitimen Ausdruck demokratischer Meinungsbildung versteht und nicht als rechtsradikale Position – solche Akteure betreten ein Schlachtfeld, auf dem die Definitionen selbst die Waffen sind. Die AfD selbst, so zeigen es die Programme für Sachsen-Anhalt, will Flüchtlingskinder in Sonderklassen segregieren, will Regenbogenflaggen an Schulen verbieten, will den Lehrplan von der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus befreien zugunsten „positiver Aspekte deutscher Geschichte". Wer dies liest und „besorgter Bürger" sagt, hat entweder das Kleingedruckte nicht gelesen oder ein anderes Deutsch gelernt.

Hier, genau hier, öffnet sich der Spalt, in den die türkischstämmige Diaspora fällt. Für die einen – die in anatolischen Cafés von Berlin-Neukölln bis Duisburg-Marxloh verkehren, die ihre Zeitungen in Istanbul drucken lassen und ihre Nachrichten aus Ankara beziehen – ist die Gleichung einfach: Eine Partei, die Migration als Problem rahmt und in den östlichen Landtagen marschiert, ist eine Bedrohung. Die Erinnerung an die Pogrome von Rostock-Lichtenhagen 1992, an Mölln, an Solingen – diese Erinnerung wird diesseits und jenseits des Bosporus gepflegt. Sie ist nicht verhandelbar.

Für die anderen – und sie sind nicht weniger real – liest sich die Lage nüchterner. Ökonomisch betrachtet teilen die Inhaber kleiner Textilwerkstätten in Berlin-Kreuzberg, die Betreiber von Dönerläden in Sachsen-Anhalt, die Spediteure im Ruhrgebiet mit der einheimischen Mittelschicht dieselben Sorgen: Energiekosten, die das Gewerbe auffressen, eine Wirtschaft, die seit Quartalen stagniert, eine Bundesregierung unter Friedrich Merz, die bei öffentlichen Auftritten ausgebuht wird und deren Wiederwahlperspektiven ungewiss sind. Wo das Portemonnaie entscheidet, hat die Herkunft manchmal Ferien.

Die wirtschaftspolitischen Bruchlinien sind dabei besonders heikel. Die AfD positioniert sich als Verteidigerin des „kleinen Mannes" gegen eine als abgehoben wahrgenommene Berliner Klasse. Diese Erzählung hat in den vergangenen Wahlen in den östlichen Bundesländern verfangen, wo die AfD nach Gansers Analyse selbst in wohlhabenden, moderaten Regionen die Industriearbeiterschaft für sich gewinnen konnte. Für türkischstämmige Selbständige, die in diesen Regionen wirtschaften, bedeutet dies eine doppelte Belastung: Sie sind zugleich Zielgruppe der migrationskritischen Rhetorik und wirtschaftliche Akteure, die auf Stabilität angewiesen sind.

Die türkische Diaspora ist nicht monolithisch. Sie zerfällt entlang genau jener Linien, die auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft zerlegen – Klasse, Region, Generation, Bildungsgrad. Der dreißigjährige Enkel eines Gastarbeiters in Köln, der in der Werbeagentur arbeitet und die Grünen wählt, steht nicht automatisch neben dem fünfzigjährigen Gemüsehändler in Magdeburg, der mit der Berliner Politik hadert. Beide existieren. Beide schweigen voneinander.

Die Frage der nationalen Verdrängung – oder präziser: der Angst davor – ist nicht auf eine Seite beschränkt. Wenn die AfD in Sachsen-Anhalt gewinnt, so das Kalkül vieler Beobachter, wird sie nicht nur die Landespolitik umgestalten, sondern als Sprungbrett für die Bundesebene dienen. Die türkische Diaspora, die über institutionelle Kanäle seit Jahrzehnten in Deutschland verankert ist, sieht sich dann vor einer Realität, in der die politische Grammatik des Landes sich verschiebt. Ob diese Verschiebung als Bedrohung oder als zu managende Herausforderung gelesen wird, hängt davon ab, in welcher Erzählung man sich wiederfindet.

Wir werden die kommenden Wochen beobachten, mit der Geduld von Schachspielern und der Skepsis von Personen, die zu oft erlebt haben, wie freundliche Worte am Verhandlungstisch zu Akten der Gewalt auf der Straße wurden. Die Bruchlinien sind sichtbar. Die Narrative sind umkämpft. Und die Handschuhe, mit denen wir diese Seite schreiben, sind dieselben, die wir tragen, wenn wir den Männern die Hand reichen, die später lächelnd lügen.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT AfD ist eine rechtsextreme Partei in Deutschland

    „An outright win would mark the first time a far-right party has held state-level power in the nation's post-war era.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Die AfD strebt Macht im Osten Deutschlands an

    „The Alternative für Deutschland party is aiming to secure a majority in the regional parliament of Saxony-Anhalt.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT Das Verhältnis der türkischen Diaspora zu rechtsextremen Erzählungen wird beleuchtet

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

3 Quellen · 2 davon belegt · 3 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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