Gloria, geglättet: Die Mechanik einer posthumen Ikone
Manche sterben zweimal. Das erste Mal, wenn das Herz aufhört zu schlagen. Das zweite Mal, wenn die Nachrufe beginnen — denn dort wird aus einer Frau ein Symbol, aus einem Leben eine Liturgie, aus den Widersprüchen eine glatte Legende, poliert für die Vitrinen der Geschichte. Gloria Steinem ist am Mittwoch gestorben, das teilte die Familie aus ihrem New Yorker Haus mit, flankiert von den Worten, Glorias „nahezu ein Jahrhundert auf Erden" seien Jahre „wohl gelebt". Zweiundneunzig, so die eine Quelle. Einundneunzig, so eine andere. Solche Differenzen sind in den ersten Stunden der Trauer keine Seltenheit; sie gehören zum Inventar jedes Todesfalls, bei dem die Archive noch warm sind. Wer Snopes konsultiert, weiß, daß die endgültige Zahl erst zementiert wird, wenn die Lektoren durch sind. In der Zwischenzeit zirkulieren beide Versionen durch die Kabel wie zwei Vertragsentwürfe, von denen noch niemand weiß, welcher unterzeichnet wurde.
Was bleibt, ist die Figur selbst — und ihre posthume Verwandlung. Denn das Buch, das im Herbst erscheinen sollte, „An Unexpected Life", ist jetzt ein Testament. Ein kuratiertes Testament, verfasst von einer Frau, die ihr eigenes Erbe überprüfen wollte, ehe sie es der Nachwelt übergab. Man liest es, wie man die Memoiren jeder Politikerin liest: als Vertragsentwurf mit der Geschichte, in dem jede Fußnote überprüft werden muß — nicht weil gelogen wird, sondern weil weggelassen, geglättet, das Harte zu Golden wird, ehe es die Druckerpresse berührt.
„The Glorias" — der Film von 2020 mit Julianne Moore und Alicia Vikander, flankiert von zwei weiteren Darstellerinnen, die das Alter staffeln wie Treppenstufen einer Erinnerung — gehört in dieselbe Mechanik. Vier Frauen, ein Körper, eine Heilige. Die Kamera kniet nicht vor Steinem; sie inszeniert sie, immer wieder, bis die Politik zur Pose wird. Das ist keine Hommage. Das ist Bildregie. Der Film zeigt eine Frau, die Politik symbolisiert — nicht eine, die Politik gemacht hat. Und genau darin liegt das politische Argument, das hier geführt werden muß: Was hier aufgeführt wird, ist die Glättung einer Aktivistin zu einem feministischen Denkmal, und diese Glättung ist ein Eingriff in die Deutungshoheit, den die zweite Welle nicht autorisiert hat.
Denn was war Steinem, bevor sie Steinem wurde? Eine Reporterin, die 1963 im New Yorker Playboy-Club als Häschen jobbte, um eine Reportage zu schreiben — ein Undercover-Einsatz, der zum Klassiker wurde und ihr die Türen öffnete, durch die sie als Nächstes hindurchging. Eine Frau, die 1970 vor dem Kongress erklärte, Abtreibung sei etwas, das die Mächtigen den Ohnmächtigen beibrächten — und umgekehrt. Eine Mitgründerin des Ms. Magazine 1972, das die Presselandschaft veränderte und bis heute zitiert wird. Das ist die zweite Welle, mit all ihren Buchten und Untiefen: Familienplanung, gleiche Bezahlung, reproduktive Selbstbestimmung — und die bohrende Frage, wer in dieser Bewegung sprach und wer schwieg.
Doch genau diese Frage wird in der posthumen Mechanik entfernt. „An Unexpected Life" läßt uns die Kindheit in Toledo sehen, den Vater mit dem reisenden Tanzpalast, die Mutter im Nachthemd durch die Nachbarschaft, das Schamgefühl über das eigene Haus. Es läßt uns die zwei Jahre in Indien sehen. Es läßt uns sehen, wie sie die Härte dieser Vorgeschichte zu einem Auftrag umformte. Aber die Verträge, die nicht eingehalten wurden, die Bündnisse, die später brachen, die Konflikte mit Schwarzen Feministinnen, die Steinems weiße, bürgerliche Linie der Bewegung kritisierten — das steht nicht im Vertrag. Nicht weil es nicht stattfand, sondern weil das Denkmal es nicht verträgt. Eine Ikone ist nie das Original. Sie ist das, was übrigbleibt, wenn die Komplikationen entfernt werden, damit das Erbe in die Regale paßt.
Das ist der Mechanismus, und es lohnt sich, ihn beim Namen zu nennen. Er heißt: Deutungshoheit durch Gedenken. Wer den Nachruf schreibt, definiert die Figur. Wer den Film inszeniert, definiert die Haltung. Wer das Buch posthum veröffentlicht, definiert, was wichtig war. Die Frauen der zweiten Welle haben um etwas anderes gekämpft — um die Freiheit, sich selbst zu definieren, ohne daß diese Definition von Ehemännern, Vätern, Verlegern oder Nachrufsrednern geliefert wird. Daß ausgerechnet ihr Gedächtnis nun durch dieselbe Maschinerie geformt wird, die sie einst kritisierte, ist die Pointe, die kein Lächeln verdient. Nur Handschuhe.
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