Zwei Dollar die Stunde — und die Stimme einer Partei
Es gibt Dokumente, die lesen sich wie Erpressung in Druckerschwärze. Der Vertrag zwischen dem Oklahoma Department of Corrections und der Firma HBW Leads aus Oregon ist ein solches Dokument. Auf der einen Seite: eine staatliche Behörde, die nach eigenem Bekunden "Straftätern, denen marktfähige berufliche Fähigkeiten fehlen", eine Beschäftigung verschafft. Auf der anderen Seite: ein Unternehmen, das nach eigenem Bekunden Versicherungs-Leads durch Telefonmarketing generiert. Und in der Mitte, festgehalten zwischen Beton und Bewährungsausschuss, Menschen, die für zwei Dollar die Stunde Wählerinnen und Wähler anrufen, um Meinungsforschung zu betreiben — oder, wie der Vertrag es trocken formuliert, "outbound calls related to marketing lead generation" und "conducting or assisting with political opinion polling".
Lassen wir die Zahlen sprechen, sie sprechen ohnehin deutlicher als jede Anklage. HBW Leads zahlt dem Bundesstaat Oklahoma zehn Dollar pro geleisteter Gefangenenstunde. Davon erhält der Gefangene zwei Dollar. Die übrigen acht Dollar verbleiben bei Oklahoma Correctional Industries, einer "selbsttragenden Untereinheit" des Justizvollzugs, die nach eigenem Selbstverständnis Arbeitsprogramme und Berufsausbildung für Inhaftierte anbietet. Der Vertrag gestattet dem Justizministerium ausdrücklich, "bis zu achtzig Prozent des Lohnsatzes pro gearbeiteter Gefangenenstunde einzubehalten". Achtzig Prozent. Das ist nicht Lohnabschlag, das ist Konfiskation mit behördlichem Siegel.
Dass diese Telefonate auch politischer Natur sein können, steht schwarz auf weiß im Vertrag. Aufgabe zwei, wörtlich: "conducting or assisting with political opinion polling, subject to applicable laws and regulations". Subjekt to applicable laws — der Vorbehalt, klein und höflich formuliert, ändert nichts an der Tatsache, dass Inhaftierte in vier Haftanstalten Oklahomas — James Crabtree, Mabel Bassett, Lexington Correctional und Joseph Harp — als Telefonarbeiter eines Unternehmens eingesetzt werden, das nach übereinstimmender Berichterstattung auch für eine konservative Super PAC tätig war. Die Berichterstattung von Oklahoma Watch vom 24. August 2026 hat das aufgedeckt; Snopes hat die Behauptung geprüft, Wilbanks' Status als Häftling der James Crabtree Correctional Center in Helena, in staatlicher Obhut seit 2015, verifiziert und die Gesamtaussage für wahr befunden. Drei weitere Insassen wurden anonym zitiert.
Es ist nicht die Erfindung einer einzigen Quelle, es ist das Ergebnis einer Rekonstruktion aus Vertragstext, Zeugenaussagen und Korroboration durch mehrere unabhängige Medien — Oklahoma Voice, Hoodline, Law Commentary. Es ist, mit anderen Worten, dokumentiert. Die Frage ist nicht, ob es geschieht. Die Frage ist, wie eine Gesellschaft damit umgeht, dass Menschen, denen das Wahlrecht weitgehend entzogen ist, gleichzeitig zur Wählerbeeinflussung eingesetzt werden. Das ist keine rhetorische Frage.
Die Logik ist kühl und altbekannt. Wer über die Zeit anderer Menschen verfügt — über ihre acht, zehn, zwölf Stunden im Telemarketing-Saal —, der verfügt über mehr als nur über Arbeitskraft. Er verfügt über Aufmerksamkeit, über Stimmen, über das, was eine Demokratie am Laufen hält: den Anruf bei der Wählerin, das Gespräch über das richtige Kreuz. Für zwei Dollar die Stunde. Plus möglicher Boni für generierte Leads oder abgeschlossene Umfragen, wie der Vertrag einräumt. Eine Anreizstruktur, die nicht zwischen Versicherungsvertrieb und politischer Meinungsbildung unterscheidet, weil sie es nicht muss.
Oklahoma Correctional Industries listet auf seiner Website jene Dienstleistungen, die von Inhaftierten erbracht werden. Telefonmarketing für politische Meinungsforschung scheint auf dieser Liste nicht auf. Auf Anfrage hat sich das Justizministerium bislang nicht zur spezifischen Begründung dieser Lohnstruktur geäußert. Man darf diese Stille deuten, wie man will. In Genf, wo ich einst Verträge las, die nie eingehalten wurden, war Schweigen stets die eloquenteste Sprache der Macht.
So bleibt ein Bild: ein Gefängnisflur, ein Headset, eine Stimme, die einen fremden Wähler zum Zuhören bringt — und am Ende des Tages eine Abrechnung, auf der zwei Dollar als Lohn verbucht sind, acht als Overhead, und der Rest als das, was er ist: eine Subvention, die sich humanitär verkleidet, aber nichts anderes ist als billige Arbeitskraft für einen politischen Apparat, der sich seine Wählerinnen und Wähler vom Staat liefern lässt. Das ist keine Anklage. Das ist ein Vertrag. Man lese ihn.
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