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Terminal Tribune

7. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Republik der unsichtbaren Rechenzentren

7. September 2026 — — Kastner

Es gibt eine bemerkenswerte Übung in Sachen Verschleierung, die in diesen Wochen in Berlin stattfindet: Die Bundesregierung plant den massiven Ausbau von Rechenzentren, sie will die Rechenkapazitäten bis 2030 verdoppeln, die Kapazitäten für Künstliche Intelligenz vervierfachen — und sie weigert sich, der Öffentlichkeit mitzuteilen, wo dieses Versprechen eingelöst werden soll. Was wie ein Versäumnis aussieht, ist in Wahrheit eine Methode. Die Methode lautet: Was niemand auf der Karte finden kann, kann auch niemand auf der Straße verhindern.

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Nun hat das Projekt Heiße Luft — eine Kooperation aus AlgorithmWatch, FragDenStaat, Leitmotiv und dem Heiße-Luft-Kollektiv — am 28. August 2026 eine interaktive Übersichtskarte veröffentlicht, auf der erstmals die Standorte geplanter Rechenzentren in Deutschland verzeichnet sind. Es ist ein Akt bürgerschaftlicher Archäologie: Was die Regierung nicht preisgibt, mussten Aktivistinnen und Aktivisten aus Pressemitteilungen der Betreiber, aus amtlichen Veröffentlichungen, aus Publikationen börsennotierter Unternehmen und aus der Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt zusammensetzen. Die Republik wurde von denen vermessen, die sie nicht regieren.

Die Lücken, die diese Karte nicht schließen kann, sind dabei ebenso aufschlussreich wie die Punkte, die sie setzt. Es fehlt die verbindliche Auskunft über das exakte Startdatum jedes einzelnen Projektes, es fehlen Angaben zur Standortlogistik — Wasserversorgung, Anschluss an Stromnetze, Kühlung — und vor allem fehlt die ehrliche Antwort auf die Frage, was eine Verdopplung der Rechenleistung für ein Land bedeutet, in dem Landkreise bereits in diesem Sommer die Nutzung von Frischwasser rationiert haben. Tiziana von Witzleben, Mitgründerin des Heiße-Luft-Kollektivs und Physikerin, bringt es auf den Satz: „Durch ihren enormen Strom- und Wasserverbrauch beeinflusst der massive Ausbau von Rechenzentren viele Menschen in Deutschland direkt. Indirekt trifft er uns alle: Die rasant steigende Zahl von Rechenzentren treibt den Einsatz fossiler Energie nach oben und befeuert damit die Klimakatastrophe."

Man darf diese Stimme nicht überhören, auch wenn die Bundesregierung es sich wünscht. Denn die interaktive Karte zeigt nicht nur Standorte — sie zeigt auch, wo sich Protest regt. Bürgerinitiativen, Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker, Landwirt*innen, Wasserversorger — sie alle tauchen auf dieser digitalen Oberfläche auf, die im Grunde ein Protokoll des Misstrauens ist. Wer eine interaktive Karte bauen muss, um zu erfahren, was die eigene Regierung plant, hat den Rechtsstaat nicht verlassen — er hat ihn nur noch nicht für voll genommen.

Was also bleibt offen? Zunächst das Wann. Ein genauer Starttermin für den Großteil der verzeichneten Projekte ist weder den Bauanträgen noch den Investor*innenprospekten eindeutig zu entnehmen. Dann das Wo im Detail: Welche kommunalen Genehmigungen wurden bereits erteilt, welche stehen noch aus, welche wurden in nicht-öffentlichen Verhandlungen vorbereitet? Und schließlich das Wieviel: Niemand in der Bundesregierung weiß — nach eigenem Eingeständnis —, wie viel Wasser der Ausbau verbrauchen wird. Diesen Satz sollte man zweimal lesen. Eine Regierung, die eine Verdopplung der Rechenkapazitäten beschließt, ohne den Wasserbedarf zu kennen, hat nicht geplant. Sie hat gehofft.

Das Projekt Heiße Luft liefert der Öffentlichkeit neben der Karte auch ein Kontaktformular, mit dem Bürgerinnen und Bürger anonym Daten korrigieren und ergänzen können — ein demokratisches Korrektiv, das eigentlich nie hätte nötig sein dürfen. Wer sich auf der Seite umsieht, findet Rechenzentren, Gaskraftwerke und Proteste in einem einzigen Atemzug. Die Gleichzeitigkeit ist kein Zufall. Sie ist die Signatur einer Energiepolitik, die das Wort Nachhaltigkeit führt, während sie den Anschluss an das Netz der Zukunft vorbereitet — ein Netz, das nicht allen gehört und nicht allen dient.

Die Bundesregierung spricht von KI-Souveränität. Sie schweigt zur Souveränität der Trinkwasserversorgung. Sie spricht von Wettbewerbsfähigkeit. Sie schweigt zur Wettbewerbsfähigkeit der Landkreise, deren Grundwasser bereits heute übernutzt ist. Die interaktive Karte ist ein Akt der Notwehr — und sie wird, wenn man die Regierungsrhetorik an ihren eigenen Maßstäben misst, zu einer Anklage. Denn was hier transparent gemacht wurde, hätte nie im Verborgenen geplant werden dürfen. Dass es dennoch geschah, sagt mehr über den Zustand der Republik als jeder Koalitionsvertrag.

Man wird nun beobachten, ob die Kartenzeichnung Folgen zeitigt — ob die Bundesregierung ihre Nationale Rechenzentrumsstrategie endlich um eine Spalte „Standort" ergänzt, ob sie den Wasserbedarf beziffert, ob sie die Verhandlungen mit Investoren offenlegt. Bis dahin gilt: Die Republik hat eine Karte erhalten, die sie von jenen geschenkt bekam, die an ihre Aufklärung glauben. Wer das Schweigen bricht, hat immer schon den längeren Atem. Es ist eine alte Wahrheit, die sich in Berlin nur schwer durchsetzt.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Bundesweit sollen neue Rechenzentren entstehen.

    „An diesen Orten sollen bundesweit neue Rechenzentren entstehen“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT Die geplanten Standorte sind auf einer interaktiven Karte sichtbar.

    „Es stellt erstmals Standorte von Rechenzentrumsprojekten auf einer interaktiven Übersichtskarte dar.“ — wörtlich im Quelltext belegt

1 Quelle · 2 davon belegt · 0 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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