Karotten als Kitt: Wie Gatorade sein RFK-Problem lösen wollte
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
Die Nachricht erreichte mich an einem Dienstag. Oder war es ein Mittwoch? An Tagen, an denen Karotten die Welt verändern sollen, verliert man das Gefühl für Wochentage. Gatorade, jenes isotonische Getränk, das einst erfunden wurde, um den Schweiß von Footballspielern der University of Florida zu ersetzen, hat ein Problem. Sein Problem heißt Robert F. Kennedy Jr. Und die Lösung — man höre und staune — sind Karotten.
Lassen Sie mich das wiederholen, damit Sie sicher sind, dass Sie richtig gelesen haben: Karotten. Die Lösung für Gatorades Beziehung zu RFK Jr.
Nun bin ich Journalist geworden, weil ich zu viele Laboratorien gesehen habe, in denen ausgerechnet die einfachste Lösung als Geniestreich gefeiert wurde. Ich habe gesehen, wie Hypothesen zu Dogmen wurden und Hunde sich die Beine daran leckten. Aber Karotten? Das ist selbst für meine Verhältnisse neu.
Die Quelle dieser Breaking News ist — und hier beginnt das journalistische Handwerk — eine einzige. Ein einzelner Bericht, kein Gegenpart, keine unabhängige Bestätigung. In dreißig Jahren Forschung und fünfzehn Jahren Zeitung habe ich gelernt: Eine Quelle macht keine Geschichte. Eine Quelle macht ein Gerücht. Und Gerüchte sind das, womit Karotten wachsen.
RFK Jr., derzeit Gesundheitsminister der Vereinigten Staaten, ist eine Figur, die der evidenzbasierten Wissenschaft seit langem Kopfschmerzen bereitet. Impfgegner. Fischöl-Schwurbler. Der Mann, der einem Wurmbefall mehr Aufmerksamkeit schenkte als seinem eigenen Stammbaum. Dass Gatorade — ein Konzern, der Milliarden mit Flüssigkeitszufuhr und Elektrolyten verdient — sich geschäftlich mit diesem Mann einließ, gehört in die Kategorie „strategische Fehlkalkulation" oder „Geschmacksverirrung im weiteren Sinne".
Was genau das Problem war? Hier wird es dünn. Die vorliegenden Berichte sprechen von einer Belastung der Geschäftsbeziehung. Belastung ist ein dehnbarer Begriff. In der Physik bedeutet er Druck pro Fläche. In der Public Relations bedeutet er: „wir wollen da raus, wissen aber nicht wie".
Und dann kommen die Karotten ins Spiel. Karotten, so die Behauptung, seien „involviert" gewesen — ein wunderbares Wort, weil es gar nichts sagt. Involved. Wie in: am Tatort. Wie in: irgendwie dabei. Wie in: der Mörder war auch im Haus, aber hat er wirklich die Tat begangen? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass er da war.
Die populärste Lesart, die seither durch die Foren geistert: Gatorade habe in einer Marketingaktion Karotten als Symbol für „natürliche Leistungssteigerung" eingesetzt, um sich von den Kontroversen um Kennedy zu distanzieren. Karotten statt Chemie. Wurzelgemüse statt Maissirup mit hohem Fruktoseanteil. Eine Annäherung an den Kennedy-Kosmos, der — sagen wir es offen — zwischen „organisch" und „wild" schwankt.
Aber — und hier zücke ich die Pfeife und den journalistischen Notizblock — was wurde nicht gemessen? Welche Reaktionen wurden nicht erfasst? Welche Marktanteile nicht bilanziert? Karotten sind kein Placebo und keine Kontrollgruppe. Sie sind ein Wurzelgemüse mit Beta-Carotin und einem leicht süßlichen Geschmack. Sie lösen keine Kommunikationskrisen.
Ich habe in den Archiven der Tribune nachgesehen. 1937 war tatsächlich ein bemerkenswertes Jahr für die Karotte. Damals verbreitete der Rundfunk die Empfehlung, Karotten zu essen, um die Nachtsicht von Piloten der Royal Air Force zu verbessern — eine Behauptung, die sich später als taktische Übertreibung herausstellte, geboren aus der Notwendigkeit, neuartige Radaranlagen zu verschleiern. Wissenschaftlich war es Unsinn. Strategisch war es brillant.
Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Heute, fast neunzig Jahre später, sollen Karotten wieder etwas retten, das sie nicht retten können. Diesmal ist es keine Nachtsicht im Bombenkrieg. Es ist das Image eines Getränks, das sich mit einem Minister eingelassen hat, der auf Beweise pfeift — im wahrsten Sinne des Wortes, denn auch gegen Pfeifen hatte er wohl Einwände.
Die Konzernzentrale von Gatorade in Chicago schweigt. Die Pressestelle antwortet mit „no comment". Die Kanzlei des Ministers verweist auf „laufende Kommunikation". Die Karottenbauern von Kalifornien bis Niedersachsen haben noch keine Stellungnahme abgegeben — was meine These stützt, dass Wurzelgemüse eine bemerkenswerte Diskretion an den Tag legt.
Was wissen wir also? Genau genommen: nichts. Wir wissen, dass eine einzige Quelle diese Behauptung in die Welt gesetzt hat. Wir wissen, dass „involviert" ein Wort ist, das in Boulevardredaktionen Karriere macht und in Wissenschaftsredaktionen Albträume auslöst. Wir wissen, dass Gatorade Probleme mit seinem Markenimage hat. Und wir wissen, dass Karotten orange sind.
Was wir nicht wissen, ist alles andere. Und in der Wissenschaft wie im Journalismus ist „alles andere" der entscheidende Teil.
Die Pfeife ist heruntergebrannt. Die Akte ist dünn. Die Geschichte ist seltsam. Und morgen, so fürchte ich, werden weitere Meldungen folgen, denn nichts ist so ergiebig wie ein ungelöstes Rätsel mit Gemüsebezug.
Was geschah als Nächstes?
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