Börse 1937
Terminal Tribune

8. September 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Die Aufzeichnung der Seele — wer hört mit beim Heilen?

8. September 2026 — — Prof. Kessler

1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Eine Meldung erreicht mich diese Woche, und sie beschäftigt mich mehr als die meisten. Medical providers, also jener Sammelbegriff, der Ärzte, Psychiater und Therapeuten zusammenfasst, dürfen Behandlungen im Bereich der psychischen Gesundheit aufzeichnen. Das Wort lautet "dürfen". Es ist jenes kleine, gefährliche Wort, das in meinem Beruf immer dann auftaucht, wenn jemand eine Tür öffnen will, ohne zu verraten, wer hindurchgehen wird.

Was bedeutet das? Es bedeutet, dass das intimste Material, das ein Mensch überhaupt hervorbringen kann, in eine Akte wandert. Seine Ängste, seine Scham, seine Wut, die toten Geschwister, die sexuellen Fantasien, die Stimme, mit der er um vier Uhr morgens um Hilfe ruft. Nicht in die Erinnerung eines Gegenübers, die verblasst, wie Erinnerungen verblassen. In eine Akte. Die Akte hat einen Speicherort. Der Speicherort hat einen Eigentümer. Der Eigentümer hat, so zeigt die Geschichte, irgendwann einen Vorgesetzten.

Was bedeutet es wirklich? Es bedeutet, dass das Privileg des Sprechens unter dem Siegel der Verschwiegenheit zur verhandelbaren Größe wird. Verschwiegenheit ist kein Zufall. Sie ist eine Berufspflicht, und sie steht in jeder therapeutischen Ethikordnung, die ich je gelesen habe, an oberster Stelle. Eine Aufnahme ist nicht das Gegenteil von Verschwiegenheit. Sie ist deren Aufbewahrung. Sie ist Verschwiegenheit im Dosenformat, haltbar, bis jemand den Deckel hebt.

Ich bin Wissenschaftler genug, um zu wissen, dass es Gründe gibt, die für Aufzeichnungen sprechen. Ausbildung. Qualitätssicherung. Forschung. Dokumentation. Ich habe selbst dreißig Jahre lang in Laboratorien gestanden und gesehen, dass das penible Festhalten von Beobachtungen Fortschritt erst möglich macht. Ich habe auch gesehen, wie dieselben peniblen Aufzeichnungen in den falschen Händen zu Waffen wurden. Die Wissenschaft liefert die Instrumente. Die Frage, wer sie auf wen richtet, ist keine wissenschaftliche. Sie ist eine politische.

Die entscheidende Frage, und ich kann sie nicht beantworten, weil die mir vorliegende Meldung es nicht beantwortet, lautet: freiwillig oder verpflichtend? Hier liegt das Spannungsfeld, das diese ganze Untersuchung trägt oder fallen lässt. Eine freiwillige Aufzeichnung mit echter Aufklärung, mit echtem Widerrufsrecht, mit definierter Löschfrist, mit nachvollziehbarem Zugriff — das ist ein Werkzeug. Eine verpflichtende Aufzeichnung, eingebettet in die ohnehin bestehende Asymmetrie zwischen dem Hilfesuchenden und dem Helfenden, ist eine Überwachungsstruktur. Beides trägt denselben Namen. Nur eines davon lässt sich mit dem vereinbaren, was ein Heilberuf sein sollte.

Wer hat das bezahlt? Wer hat widersprochen? Was wurde nicht gemessen? Das sind meine drei Standardfragen, die ich seit Jahrzehnten stelle. Bei dieser Meldung habe ich keine Antworten. Eine einzige Quelle, kein Widerspruch, keine Methodenerklärung, keine Auskunft über den Geltungsbereich. Ich veröffentliche trotzdem, weil die Frage selbst es wert ist, gestellt zu werden, aber ich markiere deutlich, wo mein Wissen endet. Ein Bericht, der seine Löcher nicht zeigt, ist keine Berichterstattung. Er ist Reklame.

Die Privatsphäre des Körpers ist über Grenzen verhandelt worden, die wir noch nicht vollständig verstehen. Die Privatsphäre der Psyche ist eine jüngere Front, und sie wird mit einer Selbstverständlichkeit geöffnet, die mich beunruhigt. Wer einmal unter dem Siegel des Vertrauens gesprochen hat und dann erfährt, dass diese Worte als Datei existieren, wird beim nächsten Mal schweigen. Oder er wird lügen. Beides ist eine Verletzung des therapeutischen Raums. Beides ist nicht heilbar.

Ich sage nicht, dass jeder Therapeut ein Schnüffler ist. Ich sage, dass eine Struktur, die Aufzeichnungen erlaubt, eine Struktur ist, die verraten werden kann. Sie ist in anderen Kontexten verraten worden, von anderen Akteuren, unter anderen Vorwänden. Die Geschichte der Aufzeichnung ist die Geschichte des Durchsickerns. Wer das für übertrieben hält, kennt die Geschichte nicht.

Mein Pfeifenkopf erkaltet. Ich zünde ihn nicht wieder an. Manche Dinge betrachtet man besser ohne das kleine, tröstliche Ritual.

Wer garantiert eigentlich, dass die Aufnahme, die heute als Dokumentation beginnt, morgen nicht als Beweismittel endet?

❖ Ende des Artikels ❖

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