Börse 1937
Terminal Tribune

8. September 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

El Niños Extrapower und das 1,5-Grad-Versprechen, das keiner hält

8. September 2026 — — Prof. Kessler

1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Damals trug ich noch den weißen Kittel, glaubte an Labor und Leukämiezellen, an Ausrottung und Aufklärung. Heute, nach drei Jahrzehnten, trage ich nur noch die Pfeife und die Überzeugung, dass jede große Entdeckung früher oder später zur Waffe wird. Die Klimaforschung ist da keine Ausnahme. Sie ist nur die jüngste.

Gestern erschien der UN-Bericht, erarbeitet vom Umweltprogramm der Vereinten Nationen (Unep). Ich sage „erschien", weil das Erscheinen solcher Berichte seit dem Pariser Abkommen dem Erscheinen des Kometen gleicht: selten, gefürchtet, und alle tun so, als hätten sie ihn nicht kommen sehen. Die Botschaft ist eindeutig. Das 1,5-Grad-Ziel — jene politisch gesetzte Linie, die das Klima noch retten sollte — wird aller Voraussicht nach in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten. Aktuell steuert die Erde auf eine Erwärmung um 2,6 Grad Celsius zu, verglichen mit der vorindustriellen Zeit. Im optimistischsten Szenario, so eine der Autorinnen, Debra Roberts, ließen sich noch 1,8 Grad erreichen — vorausgesetzt, die Welt reagiert schnell und umfassend. „Schnell und umfassend", wohlgemerkt. Ich höre diese Worte seit 1992. Sie klingen wie ein Gebet, das niemand erhört.

Inger Andersen, Exekutivdirektorin des Unep, sagt das, was man in solchen Momenten eben sagt: „Jetzt ist es an der Zeit, unsere Klimaschutzbemühungen zu verstärken — und nicht, sie aufzugeben." António Guterres spricht von „sengender Hitze" und „verheerenden Waldbränden". Beide haben recht, formal. Beide verschweigen, was passiert, wenn die Schwelle einmal überschritten ist.

Und genau hier beginnt das Vakuum.

Was geschieht, wenn die globale Durchschnittstemperatur nicht nur punktuell, sondern dauerhaft über 1,5 Grad steigt? Wir wissen es nicht. Nicht präzise. Wir wissen, dass Kipppunkte im Klimasystem drohen — das sagt die Wissenschaft seit Jahren, schreibt auch das SRF. Wir wissen, dass Korallen sterben, Gletscher schmelzen, der Permafrost taut. Aber das Ausmaß? Die Geschwindigkeit? Die Wechselwirkungen? Hier beginnt das Reich der Modelle — und Modelle sind, mit Verlaub, nicht selten das wissenschaftliche Pendant zur Sterndeutung: präzise im Format, ungenau im Inhalt. Sie rechnen mit Zahlen, die wir nicht vollständig verifizieren können, und ihre Treue hängt davon ab, wer die Annahmen füttert.

Dann kommt El Niño. Das „Kind", das zur Weihnachtszeit sein hässliches Gesicht zeigt. Nach Analysen amerikanischer Forscher um Julie Cole und den Paläoklimatologen Jonathan Overpeck von der University of Michigan, veröffentlicht in der Zeitschrift „Science", hat die Dynamik von El Niño seit der Industrialisierung messbar zugenommen. Fast eintausend Jahre lang waren die Temperaturschwankungen im Pazifik relativ stabil. Seit Mitte des neunzehnten Jahrhunderts nicht mehr. Isotopenanalysen an alten Korallenstöcken vor Galapagos belegen das. Wenn die Wassertemperaturen im Zentralpazifik die Zwei-Grad-Schwelle zum Super-El-Niño übersteigen, sterben Korallen — und mit ihnen Ökosysteme, die wir noch nicht vollständig verstanden haben.

Hier liegt das Problem, und es ist ein doppeltes. El Niño war über Jahrhunderte ein rein natürliches Phänomen. Heute kommt Extrapower dazu — die menschengemachte Erwärmung verstärkt die Ausschläge, potenziert die Hitzewellen, verlängert die Dürren, facht die Brände an. Wir haben also nicht mehr ein Klimaphänomen plus Hintergrundrauschen. Wir haben zwei叠加的 Krisen, deren Summe niemand seriös vorhersagen kann. Das Vakuum, das ich meine, ist genau dieses: Wir wissen, dass es schlimmer wird. Wir wissen nicht, wie viel schlimmer.

Während ich das schreibe, raucht meine Pfeife. Das Redaktionsgebäude macht mir regelmäßig die Hölle heiß — der Kollege im Glaskasten sagt: „Kessler, Sie sind ein Anachronismus." Stimmt. Aber Anachronismen haben einen Vorteil — sie erinnern sich.

Ich erinnere mich an Kyoto, an Kopenhagen, an Glasgow. An Versprechen, die nicht gehalten wurden. An Industrien, die sich selbst zerstörten, an Politik, die sich selbst belog. An Daten, die verfügbar waren, aber ignoriert wurden. Der weiße Kittel ist heute ein Kostüm, das Erkenntnis vortäuscht. Dabei kannte die Wissenschaft schon in den Siebzigern die Richtung. Nur die Geschwindigkeit — die war, wie immer, die unbekannte.

Die FAZ schreibt in diesem Sommer von Wetteranomalien am laufenden Band. Die taz zitiert Guterres. Das SRF fasst die Lage zusammen. Wo sich die drei unterscheiden, ist nicht das Ob — alle bestätigen die Erwärmung — sondern das Wie. Die FAZ legt sich auf den Befund der „Science"-Studie fest: El Niño hat an Dynamik gewonnen, nachweisbar, und der menschengemachte Klimawandel trägt dazu bei. Die taz und das SRF referieren den UN-Bericht und bleiben bei der Frage, wie groß der menschliche Anteil an dieser Dynamik ist vorsichtiger; sie konzentrieren sich auf das politische Scheitern und das Ende des 1,5-Grad-Ziels. Wo die FAZ den Befund als gegeben präsentiert, da lassen taz und SRF die Tür offen — und genau diese offene Tür ist das Vakuum, von dem ich spreche.

Was bleibt? Eine Welt, die auf 2,6 Grad zusteuert, während die Politik berät und das Wetter längst Fakten schafft. El Niño als Brandbeschleuniger über einem Klima, das längst brennt. Und ein Vakuum, in dem alle rufen, aber niemand hört zu, weil die Antwort unbequem ist: Niemand kann sagen, was jenseits der 1,5 Grad exakt passieren wird. Wir haben keine Blaupause. Wir haben nur ein Fenster, das sich schließt.

Der SRF-Wissenschaftsredaktor Christian von Burg nennt den Ausstieg aus fossilen Energien als Königsweg. Eine Binsenweisheit als Notausgang — und doch immer noch die einzige Karte, die nicht das Siegel der Verzweiflung trägt. Die andere Karte, CO₂ aus der Atmosphäre zu holen, ist technisch machbar, „aber aufwendig und sehr teuer", sagt von Burg selbst. Und ihr Potenzial ist begrenzt.

Die Wahrheit ist: Wir tappen im Dunkeln, mit einer Taschenlampe, deren Batterie gerade ausgeht. Wer etwas anderes behauptet, verkauft Ihnen ein Versprechen, das er nicht halten kann — oder er hat das Vakuum noch nicht bemerkt.

Also frage ich, nach dreißig Jahren, in die Stille hinein: Wenn die Modelle an ihre Grenzen stoßen und El Niño die Spielregeln ändert — wer füllt dann das Vakuum, bevor es zu spät ist?

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 3 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Der UN-Bericht weist darauf hin, dass das 1,5-Grad-Ziel bald überschritten wird/werden könnte

    „Vieles deute darauf hin, dass die 1.5-Grad-Grenze bereits in den kommenden Jahren dauerhaft überschritten werde.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZAHL Die Erde befindet sich auf einem Pfad zu einer Temperaturerhöhung von 2,6°C

    „Die Welt befinde sich auf dem Weg zu einer Erderwärmung von 2,6 Grad Celsius im Vergleich zur vorindustriellen Zeit, heißt es in dem am Mittwoch veröffentlichten Bericht der UN-Organisation.“ — wörtlich im Quelltext belegt

  3. ZITAT El Niño trägt zu vergrößerten Klimauswirkungen bei

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

  • 3 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

5 Quellen · 2 davon belegt · 3 externe Belege · 3 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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