Der Schalter ist gefallen
Am 4. September 2026 hat die britische unabhängige Nachrichtenwebsite The Canary ihren Betrieb mit sofortiger Wirkung ausgesetzt. Der Anlass: Zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate sei dem Medium von einer Bank der Zugang zu seinen Finanzen entzogen worden. Nach Lloyds Banking Group traf es nun die Metro Bank. The Canary selbst bezeichnete den Vorgang als „debanking“.
Die Abfolge ist so simpel wie erniedrigend. Ein Konto wird geschlossen oder eingefroren, Geld wird festgehalten, und eine Redaktion, die noch am Morgen Gehälter, Rechnungen und Honorare bezahlen konnte, findet sich am Abend in einer Lage wieder, in der sie nicht einmal mehr weiß, wie sie ihre Mitarbeiter erreichen soll. In einer Erklärung des Mediums hieß es, die jüngsten Ereignisse hätten „keine verantwortbare Alternative“ gelassen, als den Betrieb unverzüglich auszusetzen. Zuvor war bereits mitgeteilt worden, ein weiteres Konto sei eingefroren und das darauf befindliche Geld festgehalten worden.
Der erste Schlag kam von Lloyds. Nach einer fast zehnjährigen Geschäftsbeziehung habe die Bank einen „erheblichen Betrag“ zurückgehalten, ohne The Canary nach Darstellung des Mediums den Grund dafür zu nennen. Die Redaktion berichtete von mehreren Kontaktversuchen und ausbleibender Erklärung. Zu diesem Zeitpunkt befand sich The Canary bereits in einer finanziell prekären Lage. Man wusste nicht, wann das von Lloyds gehaltene Geld zurückkehren würde, und ebenso wenig, ob sich jemals wieder ein Bankkonto für das Unternehmen finden ließe.
Die unmittelbare Wirkung ließ sich nicht in einer Fußnote verstecken. The Canary konnte keine Mitarbeiter und Auftragnehmer mehr bezahlen. Direktor Steve Topple sagte gegenüber Novara Media, die gesamte große Mannschaft sei nun „extrem belastet“ und befinde sich im Ungewissen. Man versuche, die Lage mit Unterstützung aus der Öffentlichkeit zu mildern. Doch Unterstützung ist kein Bankkonto, und Spenden sind kein Ersatz für eine funktionierende Zahlungsinfrastruktur. Das Medium, das sich selbst als „radikale Medien der Arbeiterklasse“ bezeichnet, stand nach eigenen Angaben kurz vor dem finanziellen Kollaps.
Zwei Monate zuvor hatte The Canary zudem den Start einer täglichen linken Print-Tabloidzeitung angekündigt. Sie sollte palästinensische Rechte verteidigen und eine Alternative zur Konzernpresse sein. Im vergangenen Jahr war dem Projekt eine Geldspritze des Gründers der Gebrauchtwagen- und Immobilienwebsite Cecil Hetherington zugeflossen. Steve Topple hatte die Zeitung als Gegenentwurf zur corporate press gefeiert. Dass ausgerechnet dieses neue Produkt in die Phase des Ausbaus trat, während die Banken die finanzielle Basis des bestehenden Mediums beschädigten, verschärft die Abhängigkeit, die dieser Vorfall sichtbar macht.
The Canary hatte in den vergangenen Jahren scharf über die Vereinnahmung der Labour-Partei durch Großunternehmen berichtet und war der Parteibürokratie deshalb ein Dorn im Auge. Für möglich hält die Redaktion auch einen Zusammenhang mit ihrer anti-zionistischen und pro-palästinensischen Haltung. Sie sagt, sie kenne die Gründe für die Schließung nicht und könne es sich angesichts ähnlicher Fälle politisch engagierter Menschen und Organisationen nicht leisten, naiv zu sein. Das ist eine Hypothese des Mediums, kein erwiesener Befund. Es wäre falsch, aus der politischen Ausrichtung und dem Verhalten der Banken bereits eine koordinierte Kampagne abzuleiten.
Die Quellenlage erlaubt diese Vorsicht. The Canary liefert die zentrale Darstellung; Naked Capitalism hat sie aufgegriffen, und Press Gazette berichtete ebenfalls über die Aussetzung nach der Blockierung des zweiten Kontos. Damit ist die Abfolge der Ereignisse gut belegt, nicht aber die Frage, warum Metro Bank gehandelt hat. Eine Erklärung der Bank liegt in den vorliegenden Berichten nicht vor. Auch Lloyds hatte nach Darstellung von The Canary keine nachvollziehbare Begründung geliefert. Ohne Kontoauszüge, Schreiben der Institute oder Stellungnahmen ihrer Risikoabteilungen bleibt die politische Motivation unbestätigt.
Genau darin liegt die Brisanz. „Debanking“ klingt nach einer technischen Fußnote, bis es die Miete, den Drucker, die Reisekosten und am Ende die nächste Recherche betrifft. Unabhängiger Journalismus mag auf dem Papier frei sein, doch seine Freiheit endet häufig dort, wo eine Bank eine Überweisung ablehnt. Dass nun ein zweiter Geldgeber betroffen ist, macht einen vereinzelten Zufall weniger plausibel, beweist aber noch keine Absprache. Es zeigt vor allem, wie verwundbar ein Medium bleibt, wenn es keinen verlässlichen Zugang zu Zahlungsströmen besitzt.
What happened next? Wird The Canary seine Arbeit wieder aufnehmen können? Wird Metro Bank das gehaltene Geld freigeben, und wird überhaupt eine neue Bank dem Medium ein Konto eröffnen? Vorläufig lautet die einzige belastbare Antwort: Die Redaktion schweigt nicht, weil sie aufgehört hätte zu schreiben, sondern weil jemand anderes den Schalter umgelegt hat. Solange die Banken ihre Entscheidungen nicht offenlegen, bleibt dieser Schalter das eigentliche Instrument der Macht — und die nächste Krise wartet bereits hinter der nächsten Überweisung.
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