Die Volksparteien und ihr verschwindendes Volk
Es gibt Zahlen, die leiser sprechen als jede Parteitagsrede, aber mehr tragen als jeder Applaus auf dem Kongress. Die Zahl, die der Parteienforscher Oskar Niedermayer von der Freien Universität Berlin erhoben und in den Arbeitsheften des Otto-Stammer-Zentrums sowie in der Zeitschrift für Parlamentsfragen veröffentlicht hat, ist eine solche. Sie lautet: 1,6 Prozent. So viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland waren Ende 2024 Mitglied in einer der acht im Bundestag vertretenen Parteien. Noch in den Achtzigerjahren, in der alten Bundesrepublik, waren es knapp vier Prozent – und zwar in nur fünf Bundestagsparteien, nicht in acht. Der Schwund ist nicht spektakulär, er vollzieht sich über Jahrzehnte. Aber er ist unerbittlich.
Die Volksparteien, jene politischen Großorganisationen, die einst das Rückgrat der bundesrepublikanischen Demokratie bildeten, haben ihre gesellschaftliche Verankerung nahezu vollständig eingebüßt. Niedermayer spricht von einer „kontinuierlich abnehmenden gesellschaftlichen Verankerung des gesamten Parteiensystems". Bei Wahlen zeigt sich derselbe Befund: Dass die Union bei einer Bundestagswahl mehr als 40 Prozent der Stimmen erhielt, war zuletzt 2013 der Fall. Acht Jahre zuvor, 2005, lag die SPD das letzte Mal bei mehr als 30 Prozent. Die Union, also CDU und CSU zusammen, zählte 1990 noch 976.000 Mitglieder. Im vergangenen Jahr waren es 482.000 – nicht einmal mehr die Hälfte. Die SPD, 1990 mit 943.000 Mitgliedern noch fast ebenbürtig, kam 2025 auf 348.000. Auch die Grünen und die FDP tun sich schwer.
„Dann ist die Verbindung zwischen der gesellschaftlichen Basis und denjenigen, die oben die Regierung bilden, nicht mehr gegeben", warnt der Parteienforscher Elmar Wiesendahl. In den Achtzigerjahren waren in der alten Bundesrepublik knapp vier Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung Mitglied in einer der fünf Bundestagsparteien. Das ist heute nur noch im Saarland der Fall. In Gesamtdeutschland gehörten Ende 2024 nur noch gut 1,6 Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung einer der acht im Bundestag vertretenen Parteien an.
Dass diese Verbindung in Ostdeutschland noch dünner ist, war früher eine Beobachtung am Rand. Heute ist sie der Kern des Problems. In den ostdeutschen Bundesländern waren 2025 nur 0,9 Prozent der beitrittsberechtigten Bevölkerung in einer Partei organisiert – etwa halb so viele wie im Westen. Lediglich AfD und Die Linke hatten in den vergangenen Jahren im Osten relativ zur beitrittsberechtigten Bevölkerung deutlich mehr Mitglieder als im Westen. Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sahen manche Umfragen die SPD in Gefahr, an der Fünfprozenthürde zu scheitern. In Mecklenburg-Vorpommern drohte der CDU laut Umfragen zwei Wochen später erstmals ein einstelliges Ergebnis.
Einen direkten Zusammenhang zwischen Mitgliederzahlen und Wahlergebnissen, so betonen die Forscher, gebe es nicht. Und doch ist die Korrelation schwer zu übersehen. Die etablierten Parteien haben es weder bei der CDU noch bei der SPD geschafft, die Mitgliederzahlen in den ostdeutschen Bundesländern auf ein ähnliches Niveau wie in den westdeutschen zu bringen. Ob sie nach der Wende etwas verpasst haben oder ob sich in Ostdeutschland ein allgemeiner Trend stärker zeigt – vermutlich, so Wiesendahl, ist an beidem etwas dran. Vor der Wende habe es durchaus viele Partei- und Gewerkschaftsmitglieder im Osten gegeben.
Was sich in den vergangenen beiden Jahren verändert hat, ist weniger die Geschwindigkeit des Niedergangs als seine politische Konsequenz. Während die Volksparteien weiter Mitglieder verlieren, mobilisieren die Ränder. Was in Ostdeutschland seit der Wiedervereinigung besonders deutlich wird, hat sich inzwischen auf das gesamte Parteiensystem ausgeweitet: Die Hauptparteien verlieren, die Ränder gewinnen. Die Volksparteien antworten auf eine schwindende Bindung mit dem Versuch, sie rhetorisch zu erneuern – doch wer keine Mitglieder mehr hat, die an den Türen klopfen, hat auch niemanden mehr, der im Wahlkreis das Gespräch sucht.
Niedermayers Zahl bleibt: 1,6 Prozent. Sie steht nicht in einer Parteitagsrede. Sie steht in einem Arbeitsheft des Otto-Stammer-Zentrums. Aber sie misst, was keine Sonntagsfrage messen kann – die Distanz zwischen den Bürgerinnen und Bürgern und jenen Organisationen, die beanspruchen, sie zu vertreten. Im Saarland, wo die Quote noch bei knapp vier Prozent liegt, ist das Relikt einer früheren Republik noch sichtbar. Im Osten ist es verschwunden. Was bleibt, ist die Frage, was eine Parteiendemokratie trägt, wenn ihre Parteien leerer werden – und ihre Wähler den Saal längst verlassen haben.
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