Glanz auf den Schultern, Risse im Fundament
Harry Styles trägt einen schwarzen Anzug, als er am Freitag mit seiner Verlobten Zoë Kravitz am JFK-Airport in New York eintrifft, fünf Tage vor Beginn seiner Dreißig-Konzert-Residency in der Madison Square Garden zwischen dem 26. August und dem 31. Oktober. Die Stadt empfängt ihn mit jener gleichmütigen Brillanz, mit der sie Popmusiker seit jeher empfängt — mit Blitzlicht, mit randvollen Pressehäppchen, mit dem leisen Summen eines Geldstroms, der nirgendwo so selbstverständlich fließt wie hier. Auf dem Cover des W-Magazins für September trägt er eine metallische Jacke und nichts darunter, Chanel hat das inszeniert, die Fotografen haben applaudiert, die Modekritik wird morgen ihre wohlwollenden Sätze schreiben. Währenddessen, keine zweiundzwanzig Meilen westlich der Garden-Bühne, haben Tornados in Atlantic Beach auf Long Island und im USBundesstaat Delaware schwere Schäden angerichtet, haben Strommasten geknickt und Straßen unter Wasser gesetzt; die Polizei meldet keine schweren Verletzungen, was stets das Erste ist, was man hört, wenn die eigentlichen Zahlen noch gezählt werden.
Es ist die alte Choreografie dieser Stadt: oben die Kameras, unten das Wasser. Der Star steigt aus dem Flugzeug, die Verlobte trägt einen Schal und blitzt mit dem Diamantring, das Paar winkt kurz und verschwindet in eine schwarze Limousine, der Anzug sitzt, der Terminplan steht, die Karten sind ausverkauft. Niemand fragt, warum der Flughafen an jenem Tag überhaupt offen war, niemand fragt, welche Familien in Atlantic Beach gerade zählten, was ihnen geblieben war. Die Stadt verteilt ihre Aufmerksamkeit wie ein guter Croupier, mit ruhiger Hand, mit kalkulierter Großzügigkeit, und immer dort, wo das meiste Geld liegt.
Doch unter dieser Oberfläche brodelt es, und wer hinsehen will, sieht es deutlich. Bürgermeister Zohran Mamdani, so berichtet Quelle A, hat sich gegen das für die kommenden Wochen angesetzte Treffen mit Mohan Bhagwat ausgesprochen, dem Chef des RSS, jener Organisation, deren hindu-nationalistische Ausrichtung international als Brandbeschleuniger religiöser Spannungen gilt; IAMC und ein Bündnis weiterer Glaubensgemeinschaften haben Protest dagegen angemeldet, mit der Begründung, die Veranstaltung sei eine Provokation in einer Stadt, die ohnehin an ihren Nahtstellen ächzt. Quelle B indessen berichtet, das Ereignis sei genehmigt worden. Da steht es nun, sauber nebeneinander, wie zwei Zeugenaussagen vor einem Tribunal, in dem niemand die Wahrheit sucht, weil die Wahrheit keinen Eintrittspreis zahlt. Mamdani opponiert offiziell, Bhagwat spricht offiziell, das Genehmigungsverfahren läuft offiziell, und die Stadt tut so, als gehöre das zusammen, als sei Widerspruch ein Verfahren und nicht ein Bruch.
Dieser Bruch ist die eigentliche Geschichte. Nicht der Anzug, nicht das Magazin-Cover, nicht der Ring am Finger der Verlobten. Sondern die Frage, warum eine Stadt, die Tornados überlebt, deren Infrastruktur an ihren Rissen entlangwandert, deren Mieten weiter steigen, deren Polizeireformen weiter verschoben werden, ausgerechnet jetzt eine Plattform bietet für einen Mann, dessen Wirkung international dokumentiert ist. Man darf es sagen, auch wenn es die Boulevard-Redaktionen nicht sagen wollen: Die Stadt toleriert, was sie verbieten könnte, weil die Toleranz billiger ist, weil der Applaus schneller kommt, weil sich die Kameras lieber auf das Glitzern richten als auf das, was sich darunter sammelt.
Styles, so muss man fairerweise ergänzen, trägt keine Schuld. Er kommt, er singt, er füllt die Halle. Es ist nicht seine Aufgabe, die politische Geografie New Yorks zu kartografieren, und niemand sollte ihm diese Aufgabe aufbürden. Aber seine Anwesenheit am selben Wochenende, in dem die Tornados kamen und in dem die Meldungen über Mamdanis Haltung durcheinanderlaufen, ist nicht zufällig, sie ist symptomatisch. Die Stadt feiert ihn, weil sie feiern kann, was immer die Gegenwart auch verlangt; die Stadt verschiebt ihre eigentlichen Termine, weil das Verschieben nie Konsequenzen hat, solange die Karten für die Garden-Abende bereits verkauft sind und die nächsten Schlagzeilen bereits in den Rotations.
Man hat das oft gesehen, in Genf, in Brüssel, in Räumen, in denen Männer lächelnd Vereinbarungen trafen, die am nächsten Morgen zerfielen. Das Lächeln ist hier das schwarze Tuch eines Anzugs, der nach der Landung am JFK getragen wird, es ist der Stoff, in den sich diese Stadt hüllt, wenn sie nicht hinschauen will. Wer hinschaut, sieht: einen Flughafen, der trotz Sturm funktioniert hat, einen Bürgermeister, der opponiert und gleichzeitig genehmigt, eine Veranstaltung, die protestiert und empfangen wird, einen Popstar, der eintrifft, während über der Stadt noch die Böen ziehen. Wer hinschaut, sieht eine Stadt, die sich selbst nicht mehr zusammenhalten kann, ohne dass irgendjemand das laut sagt.
Die Tornados werden gezählt, die Schäden werden beziffert, die Versicherungen werden zahlen, die Stadt wird wiederaufbauen, weil sie das immer getan hat. Styles wird singen, die Garden wird voller sein als je zuvor, das W-Magazin wird verkauft. Und am Ende des Monats wird Bhagwat sprechen oder nicht sprechen, genehmigt oder nicht genehmigt, protestiert oder nicht protestiert, und niemand wird sich erinnern, wer wann was gesagt hat. Nur dass es gesagt wurde. Nur dass es nicht gereicht hat.
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