Amerikas Seeleute am Limit — und ein umbenannter See
Es gibt Sätze, die klingen wie Versprechen und halten wie Löschpapier. Anlässlich wachsender Besorgnis um die Besatzung des Flugzeugträgers USS Abraham Lincoln sagte Verteidigungsminister Pete Hegseth am fünfzehnten August dieses Jahres vor Reportern, man stelle sicher, dass jedes Schiff, jede Crew, jeder Kapitän in jedem Moment alles habe, was man ihnen geben könne. Manche Einsätze dauerten länger als andere, fügte er hinzu, und sein Respekt sei grenzenlos. The Guardian veröffentlichte die Worte wenige Wochen später. Sie waren höflich. Sie waren vermutlich aufrichtig. Sie waren auch nicht genug.
Denn wer die Schlagzeilen der Fachpresse liest, wer den Kommentar des American Enterprise Institute mit dem Titel "America's Sailors Are Overworked — We Can Fix That" zur Hand nimmt, wer die Berichte über die USS Abraham Lincoln studiert, der stößt auf ein Vokabular, das in Washington sonst nur für Haushaltsdebatten reserviert ist: Überlastung, Belastungsgrenzen, systemische Defizite. Es ist die Sprache von Maschinen, die heißlaufen. Und sie beschreibt Menschen.
Die Frage ist nicht, ob die Überlastung existiert. Sie ist dokumentiert, sie ist beklagt, sie ist alt. Bereits im September zweitausendsiebzehn hielt der damalige Senator John McCain der Navy vor, das Problem überarbeiteter Seeleute sei eines, das sich sofort beheben lasse — der damalige Staatssekretär Richard Spencer pflichtete bei. Die Diagnose ist seit bald einem Jahrzehnt dieselbe. Die Therapie wurde aufgeschoben. Heute, da die See zunehmend umkämpft ist und Amerikas Reichweite zur außenpolitischen Währung geworden ist, wird das Versäumnis zur strategischen Hypothek.
Das American Enterprise Institute formuliert die Gleichung ungeschönt: Eine gut ausgestattete Marine verringere die Belastung der Seeleute und ziehe neue Rekruten an. Wer heute nicht in Schiffe, Seeleute und Systeme von morgen investiere, reduziere Amerikas Reichweite. Das klingt nüchtern. Es ist ein Hilferuf.
Was diese Debatte so eigentümlich macht, ist nicht ihre Substanz, sondern ihre Begleitmusik. Während Strategie und Innenpolitik um die Besatzungen ringen, vollzieht sich am Rand ein Spektakel, das Aufmerksamkeit bindet, die anderswo fehlt. Am siebenundzwanzigsten August dieses Jahres erließ der Präsident der Vereinigten Staaten eine Executive Order, die den Lake Ontario, einen der Großen Seen, in Bundesdokumenten in "Lake America" umtaufte. Die Verfügung fiel mitten in den Handelskrieg mit Kanada.
Man sollte erwähnen, was nicht stimmt an der kleinen Mythologie, die sich darum rankt. Snopes hat in den Tagen seit der Anordnung vier populäre Behauptungen geprüft und zerlegt. Kanadische Beamte weigern sich nicht, Schiffen mit Kurs auf "Lake America" die Durchfahrt durch den Welland-Kanal zu verweigern — die Behauptung ist frei erfunden. Es gab keinen Beitrag auf Truth Social über einen zu bauenden "Melania Canal", der mit dem See verbunden wäre; auch das ist erfunden. Der See ist nicht nach der kanadischen Provinz Ontario benannt; den Namen gaben ihm die indigenen Völker der Region, wie auf historischen Karten nachweisbar ist. Und eine französische Karte, die belegen soll, der See habe ursprünglich "Lac America" geheißen, ist manipuliert — Snopes hat die Fälschung identifiziert.
Vier Faktenchecks ergeben zusammengenommen das Bild einer Erzählung, die schneller wuchs, als sie geprüft werden konnte. Sie ist nebensächlich. Aber sie ist bezeichnend. Denn während die Aufmerksamkeit dem neuen Namen folgt, folgen die Schiffspläne, die Personalakten und die Überstundenkonten einer anderen Realität.
Die USS Abraham Lincoln ist deren Symbol. Veteranen und militärische Gesundheitsexperten haben ihre Warnungen öffentlich gemacht, ohne pathetisch zu werden. Sie sprechen von Schlafentzug, von Einsatzverlängerungen, von Wartungsstau, von einer Flotte, die mehr leistet, als ihre Besatzungsstärke hergibt. Hegseth sprach von Respekt. Die Seeleute sprechen von Stunden.
Das Systemproblem ist bekannt. Es ist benannt. Es ist finanzierbar. Was fehlt, ist nicht die Diagnose, sondern der politische Wille zur Therapie. McCain hatte 2017 recht: Das Problem lässt sich sofort beheben. Dass es neun Jahre später immer noch besteht, ist keine Folge unzureichender Erkenntnis, sondern eine Entscheidung — eine Entscheidung darüber, was auf der Prioritätenliste ganz oben steht und was in den Hafen der Nebensächlichkeiten verschoben wird.
Ein umbenannter See ist keine Sicherheit. Er ist aber auch keine Nebensächlichkeit der Sicherheit. Er ist ein Name, der in Bundesdokumenten steht, während das, was Amerika auf See tatsächlich trägt, keinen Namen braucht, sondern Personal, Zeit und Geld.
Vera Kastner schreibt aus Genf. Sie trägt Handschuhe.
❖ Ende des Artikels ❖
