Putins Festung und die unheimliche Leere
Auf der Berliner Friedrichstraße steht ein Gebäude, das aussieht, als hätte es sich verirrt. Zwischen den filigranen Altbauten und den Glasfassaden der Nachkriegsmoderne wirkt der Koloss aus Beton und großflächigen Platten wie ein Raumschiff, das auf dem falschen Planeten gelandet ist — oder vielleicht: auf dem richtigen, nur ein paar Jahrzehnte zu früh. Das Russische Haus an der Friedrichstraße 176-179, 1984 in der DDR als „Haus der sowjetischen Wissenschaft und Kultur" aus der Taufe gehoben, ist mit 29.000 Quadratmetern größer als jedes andere Russische Haus in über siebzig Ländern dieser Welt. Acht Etagen, ein 1.700 Quadratmeter großes Foyer, Geschäfts- und Ausstellungsräume, mehrere Theatersäle, 64 Wohnungen, ein Innenhof mit Parkplätzen. Ein Gebäude wie eine ausgestellte Macht.
Doch wer es betreten wollte, dem wurde rasch deutlich: Hier wird niemand empfangen, hier wird kontrolliert. Arkadi, der 1994 als Spätaussiedler nach Baden-Württemberg kam und später in Berlin Osteuropastudien studierte, erinnert sich an die Sicherheitsprozedur am Eingang — ein Vorgang, den er in Deutschland sonst nur von Flughäfen und Regierungsgebäuden kannte. Was innen folgte, war, in seinen Worten, „altbacken", eine Atmosphäre wie in einem Kulturhaus irgendwo in der russischen Provinz. Die Veranstaltungen hätten weder inhaltlich noch gestalterisch überzeugt. „Man war sich selbst genug." Arkadi kam trotzdem. Wegen des Buchladens. Die zeitgenössische russische Literatur, die es dort gab, fand er anderswo in Berlin nicht so zusammengestellt. Also kam er, kaufte Bücher, ging wieder. Er war einer von wenigen. „Das Russische Haus in Berlin war immer menschenleer", sagt er rückblickend. Was er bei seinen Streifzügen fand, war, neben dem Buchladen, eine „kitschige" Kunstausstellung. Sonst Leere.
Diese Leere ist die eigentliche Nachricht. Während Politikerinnen und Politiker das Gebäude als „nationales Sicherheitsrisiko" bezeichneten — so die Politikerin Strack-Zimmermann — und von „Putins Enklave" sprachen, von Sanktionsverstößen, von Propaganda und der Tarnung von Geheimdienstaktivitäten, blieb das Haus, was es immer gewesen war: ein Bauwerk, das niemanden brauchte, um zu funktionieren. Es funktionierte durch seine pure Existenz, durch seine Architektur, die der DDR-Architekt Karl-Ernst Swora, einst stellvertretender Chefarchitekt beim „Palast der Republik", an der damals in der UdSSR vorherrschenden Formensprache ausrichtete: die Kombination von Massivität mit geometrischer Form. Beton als Politik. Geometrie als Drohung.
Die Bundesregierung hat nun, nach Beratungen im Nationalen Sicherheitsrat und im Bundeskabinett, die Schließung verfügt. Innenminister Alexander Dobrindt und Außenminister Johann Wadephul gaben Russland im Namen der Bundesregierung die Verantwortung für den Drohnenanschlag auf den Leipziger Flughafen am 4. August. Bundeskanzler Friedrich Merz hatte zuvor angekündigt, die Urheber würden „dafür bezahlen". Das Russische Haus ist eine dieser Zahlungen.
Dass Berlin so lange zögerte, während in Moldau, Großbritannien, Dänemark, Polen und Aserbaidschan die Russischen Häuser längst geschlossen wurden, ist bemerkenswert. Recherchen von CORRECTIV zeigen zudem, dass die Aktivitäten nicht auf Berlin beschränkt sind: Auch in Dresden betreibt die Agentur hinter dem Haus einen Ableger, vor der Öffentlichkeit weitgehend verborgen. 42 Jahre lang hat der Bau auf der Friedrichstraße seine stumme Wache gehalten. Nun soll das Licht ausgehen.
Es ist eine seltsame Szene, die sich in diesen Septembertagen vor dem Gebäude abspielt. Ein paar hundert Menschen versammeln sich am Abend auf der Friedrichstraße, um für den Erhalt des Russischen Hauses zu demonstrieren. Sie stehen vor einer Festung, die immer menschenleer war, und treten ein für ein Haus, in dem sie selbst nie zu Gast waren. Die Demonstranten kämpfen, so scheint es, weniger für eine Institution als für eine Erinnerung — für jene Version der Realität, in der das Gebäude mehr war als eine Adresse, mehr als eine Hülle, mehr als das, was Arkadi bei jedem Besuch vorfand: Leere. Nur dass diese Leere jetzt von Amtswegen besiegelt wird.
Und vielleicht ist genau das der Befund, den man festhalten muss: Nicht was in dem Haus geschah, sondern dass nichts geschah. Dass die Architektur des Schweigens funktionierte. Dass eine Festung des Sowjetischen vier Jahrzehnte in einer deutschen Großstadt stehen konnte, ohne dass das, was offiziell Kultur hieß, jemals auch nur annähernd die Dichte jenes Buchladens erreichte, der einzelne Studenten anzog. Wer hier ein Forum suchte, wer Veranstaltungen mit Bezug zur Region besuchen wollte, der ging, wie Arkadi es formulierte, „nicht auf die Idee, dafür ins Russische Haus zu gehen". Wer hier dennoch eintrat, wurde kontrolliert wie auf einem Flughafen. Wer hier einkaufte, kaufte Bücher und ging.
Das Russische Haus war ein Raum ohne Bewohner im eigentlichen Sinn. Es war Bühne und Kulisse in einem. Es war das, was die Politik jetzt eine Enklave nennt, und es war, lange bevor es so genannt wurde, bereits das, was Arkadi immer sah: nichts als Wände. 42 Jahre Architektur des Verstummens. Nun also wird sie abgeräumt. Die Frage, was stattdessen in das Gebäude einzieht, ist eine andere Geschichte. Diese hier endet, wie sie begann: in jener Leere, die niemanden überraschen wird, der je hindurchging.
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