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11. September 2026

Dossier · Wissenschaft & Gesundheit

Niedrigwasser 1904 — Kein Urteil Gegen Das Klima

11. September 2026 — — Prof. Kessler

Manche Bilder altern schlecht. Sie werden älter, schärfer, und in den falschen Händen werden sie zu Beweisen für Behauptungen, die sie niemals beweisen konnten. Ich habe das oft genug gesehen, in dreißig Jahren, um zu wissen: Wer das richtige Foto zur falschen Zeit zeigt, hat noch lange nicht das richtige Argument.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Ein solches Bild kursiert seit Wochen durch die Kanäle der Halbbildung. Es zeigt die Elbe bei Dresden im Sommer des Jahres 1904 — ein fast leeres Flussbett, karge Sandbänke im Vordergrund, eine Stadt, die sich an einem Gewässer aufhält, das eigentlich Wasser führen sollte. Wer das Bild heute teilt, schreibt oft einen Satz dazu, der je nach Glaubensrichtung leicht variiert: Damals sei das Klima auch schon so gewesen, also könne von einer menschengemachten Erderwärmung keine Rede sein. Der Satz klingt kühn. Er ist auch falsch. Und er verrät mehr über seinen Verfasser als über das Klima.

Was im Juli und August 1904 an der Elbe geschah, war ein außergewöhnliches Niedrigwasserereignis. Die Sächsische Zeitung berichtete damals ausführlich darüber, der Wasserstand fiel in Dresden auf extreme Werte. Recherchen über eine Bilder-Rückwärtssuche führen direkt in die Archive jener Zeit. Niedrigwasser ist ein seltenes Ereignis — selten genug, dass man es fotografisch festhält, und selten genug, dass es Aufmerksamkeit erregt. Aber Seltenheit ist kein Maßstab für Normalität. Seltenheit ist nur ein Hinweis darauf, dass etwas aus dem Rahmen fällt. Aus welchem Rahmen, das steht auf einem anderen Blatt.

Der Fehler, der hier gemacht wird, ist ein alter Bekannter. Er misst das Falsche. Wer behauptet, ein lokales Ereignis vor über hundertzwanzig Jahren widerlege einen globalen, seit Jahrzehnten dokumentierten Trend, der verwechselt zwei Dinge, die sich kategorisch unterscheiden: die Wetterlage eines Ortes zu einem bestimmten Zeitpunkt mit dem Klima der Erde über einen langen Zeitraum. Eine Dürre in Sachsen im Sommer 1904 ist, was die Klimaforschung angeht, ein Datenpunkt. Ein einzelner Punkt auf einer Karte, in einem Sommer, mit lokalen Ursachen, mit damaligen Messmethoden, mit einer Landnutzung, die sich seither mehrfach verändert hat.

Der menschengemachte Klimawandel ist eine Linie. Eine Linie, die sich über Kontinente und Jahrzehnte zieht, gemessen an Mittelwerten der Atmosphäre, der Ozeantemperaturen, der Gletscherstände, der Häufigkeit bestimmter Extremereignisse. Diese Linie wird von Tausenden Instrumenten gezeichnet, von Satelliten, von Bohrkernen, von Pegelstationen, von Modellen, die sich an der Realität messen lassen müssen.

Matthias Mauder, Professor für Meteorologie an der Technischen Universität Dresden, hat es in der Sache klar formuliert: Das Niedrigwasser von 1904 ist kein Beweis gegen den menschengemachten Klimawandel. Nicht weil das Ereignis selbst unwichtig wäre, sondern weil ein einzelnes Niedrigwasserereignis methodisch nichts widerlegen kann, was auf einer vollkommen anderen Skala gemessen wird. Ein einzelner Tag, an dem das Barometer fällt, widerlegt auch nicht die allgemeine Zirkulation der Atmosphäre. Man darf das eine nicht gegen das andere ausspielen, ohne dass die eigene Argumentation in sich zusammenfällt.

Hier liegt das eigentliche Problem, und es ist methodischer Natur. Wer solche Bilder teilt, will entweder nicht verstehen — oder will so tun, als verstünde er. Die Diskussion verlagert sich vom Klima zum Einzelfall, vom Mittelwert zur Momentaufnahme, von der Physik zur Fotografie. Das ist keine Skepsis, auch wenn es so verkleidet wird. Das ist ein Kategorienfehler, der sich hartnäckig hält, weil er so bequem ist.

Die historische Aufzeichnung solcher Ereignisse ist im Übrigen kein Argument gegen die Klimaforschung. Sie ist deren Material. Extreme Wetterlagen hat es immer gegeben, in jeder Epoche, in jeder Region. Sie kommen, sie gehen, sie werden gemessen, sie werden in lange Zeitreihen einsortiert. Nur ihr Anteil, ihre Häufigkeit, ihre Dauer, ihre räumliche Ausdehnung verändern sich — und genau diese Veränderung lässt sich nicht mit einem Schwarzweißbild aus dem Kaiserreich erklären oder wegwischen.

Wer die Elbe von 1904 als Waffe gegen die moderne Klimaforschung führt, sollte wissen, dass er mit Patronen schießt, die vor über einem Jahrhundert geladen wurden. Die Munition ist alt. Das Ziel bewegt sich nicht dort, wo er zielt. Was bleibt, ist eine unbequeme Frage: warum ausgerechnet jetzt, warum ausgerechnet dieses Bild, warum ausgerechnet diese Verwechslung — und warum jene schweigen, die genau wissen, dass ein einzelner Sommer an einem Fluss noch keinen Beweis für das Wetter von morgen liefert?

Wenn das Foto von 1904 noch nicht ausreicht, um den Klimawandel zu widerlegen — welches Bild wäre dann eigentlich gut genug, oder ist genau dieses Niemals die ganze Absicht?

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Herangezogene Quellen — 1 abrufbare Quelle

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