Das Rad von Ost nach West, und die Hand, die es bremst
Zack Polanski, seit kurzem Vorsitzender der britischen Grünen, hat sich eine kleine Geste erlaubt, die in der Sprache dieser Stadt mehr verrät als jede Pressekonferenz. Sollte er die Nachwahl in Holborn und St Pancras gewinnen, wolle er künftig mit dem Fahrrad aus dem Osten Londons in sein neues Büro pendeln. Eine Bemerkung, so beiläufig sie daherkommt, so sorgfältig ist sie komponiert: das Bild des Mannes auf dem Rad, der die Themse nicht scheut, der den Bezirk nicht als Beute betritt, sondern als Gast. Wer in London kandidiert, muss seinen Anmarsch inszenieren — und Polanski inszeniert ihn als körperliche Geste der Bescheidenheit.
Zur gleichen Stunde sickerte durch die Gänge der Parteizentrale eine andere Meldung. Danach gibt es Kräfte innerhalb der Grünen, die den eigenen Vorsitzenden an der Kandidatur hindern wollen. Holborn und St Pancras, jener Wahlkreis, den Sir Keir Starmer nach seinem Rücktritt als Abgeordneter hinterließ, ist mehr als ein Stuhl im Unterhaus. Es ist ein Symbol: ein Bezirk, der zugleich über die Frage entscheidet, wem die politische Linke Großbritanniens künftig zuhört — oder wem sie wenigstens zuschaut.
Polanski selbst sagt, er habe vor, in dieser Wahl anzutreten. Er sagt es in jenem Tonfall, den ich aus Genf kenne, wenn Beamte über noch nicht ratifizierte Verträge sprechen: korrekt, höflich, unverbindlich. Eine Bestätigung der Kandidatur, wie sie aus seinem Umfeld zu hören ist, ist keine Bestätigung — sie ist ein Wunsch, formuliert in der Hoffnung, dass die Hürde, die ihm die eigene Partei in den Weg stellt, sich als kleiner herausstellt als angenommen.
Die Quellenlage ist dabei so widersprüchlich wie aufschlussreich. In einer Version der Geschichte kämpft Polanski um die Nominierung; in einer anderen wird ihm diese Nominierung durch innerparteiliche Manöver streitig gemacht. Beides kann gleichzeitig wahr sein — und genau das ist das Theater. Eine Partei, die ihren eigenen Vorsitzenden nicht aufstellt, sendet eine Botschaft; eine Partei, die ihn aufstellt und gleichzeitig schwächt, sendet eine zweite.
Wer blockiert, mit welchem Mandat, in wessen Auftrag — darüber schweigen diejenigen, die es wissen müssten. Die internen Kritiker, so lässt sich aus den spärlichen Andeutungen rekonstruieren, fürchten weniger den Wahlkreis als die Richtung. Polanski, heißt es in den Berichten, wolle die Partei noch weiter nach links führen, wolle Andy Burnham zusätzlich in diese Richtung drängen. In einer politischen Landschaft, die sich gerade erst von einer populistischen Welle erholt, klingt das in manchen Ohren wie eine Drohung, in anderen wie ein Versprechen.
Dass in dieser Auseinandersetzung ausgerechnet ein Fahrrad erwähnt wird, ist beinahe unnötig — und doch ist es das Bemerkenswerteste. Denn London wählt keine Verkehrsmittel. London wählt Symbole. Und ein Mann, der mit dem Rad aus dem Osten in den Westen fährt, um einen Stuhl einzunehmen, sagt mehr über die Stadt als jede Umfrage.
Dabei ist das Rennen um Holborn ohnehin ein Hochrisikofeld für die gesamte Linke. Es geht um einen Sitz, der über die Frage mitentscheidet, ob die Grünen als eigenständige Kraft wahrgenommen werden oder als Beifahrer eines übergeordneten Projekts. Wer hier verliert, verliert mehr als eine Wahl.
Ob Polanski seinen Stuhl am Ende erhält, ist derzeit offen. Die Nachwahl wird kommen; die Nominierung muss er sich jedoch erst verdienen — bei seiner eigenen Partei. Und die, das wissen wir aus Erfahrung, verteilt ihre Gnade selten, ohne sie vorher in irgendeiner Sitzung zerrissen zu haben. Bis dahin bleibt das Bild eines Mannes auf einem Rad, das irgendwo zwischen Ost und West auf sein Signal wartet.
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