Die Suche nach einer Überschrift über dem Nichts
Es gibt Sätze, die alles sagen, indem sie wenig sagen. Friedrich Merz, Bundeskanzler dieser Republik, hat unlängst in Langenhagen bei Hannover einen solchen Satz formuliert: „Was macht uns eigentlich aus? Was ist eigentlich das Ziel jenseits pragmatischer Politik am Tag? Wo wollen wir hin?" Drei Fragen, die wie Hefeteig gehen — sie gehen auf, sie gehen unter, sie gehen nirgendwo hin. Es sind die Fragen eines Mannes, der selbstkritisch eingeräumt hat, dass das, was die CDU bisher getan hat, „angesichts der Umfrageergebnisse und der zu befürchtenden Wahlergebnisse nicht ausgereicht" habe.
Er sagt „zu befürchtende". Eine feine grammatische Distanzierung. Nicht „die Wahlergebnisse", nicht „der drohende Verlust" — nein, zu befürchtende, also noch nicht eingetretene, also noch verhandelbare, also vielleicht doch noch abwendbare Ergebnisse. So klingt Politik, wenn sie sich selbst Mut zuspricht. Was Merz ankündigt, ist nach den Landtagswahlen im September eine Grundsatzdebatte in seiner Partei über ein neues Narrativ für Deutschland. Eine „Überschrift über dem, was wir gemeinsam tun", nennt er das. Überschrift — das Wort allein verrät mehr als jedes Parteiprogramm: Es geht nicht um Inhalte, es geht um den Titel darüber.
Die Bühne, auf der diese Debatte stattfinden soll, ist eng. In Sachsen-Anhalt steht die AfD in den finalen Umfragen bei 40 bis 41 Prozent, die CDU bei etwa 23. Exit Polls nach der Wahl bestätigten der Partei nahezu 44 Prozent — historisch, denn es ist das erste Mal seit 1945, dass eine in Deutschland als rechtsaußen geltende Formation eine Landtagswahl gewinnt. Tino Chrupalla sprach von einem „sensationellen" Abend und erinnerte daran, dass Merz selbst einst gesagt habe, die AfD könne „halbiert" werden; nun habe man die CDU halbiert. Ulrich Siegmund, 35, ehemaliger Parfümverkäufer, wird voraussichtlich neuer Ministerpräsident des Landes. „Von hier werden wir Deutschland verändern", sagte er. Eine schlichte Grammatik des Siegens.
Nun die Widersprüche, die das politische Berlin durchziehen wie feine Risse durch eine Fassade, deren Mörtel bereits bröckelt. Während die einen Berichte Merz als denjenigen zeichnen, der die Debatte führen wird — als Architekten einer Erzählung, als jemanden, der handelt —, lesen andere dieselbe Ankündigung als strategischen Schachzug, als kalkulierte Bewegung unter Druck. Wieder andere erkennen darin nichts als Panik. Die Bewertungen widersprechen sich, und das ist vielleicht die ehrlichste Diagnose: Niemand weiß genau, ob hier ein Mann vorbereitet oder ein Mann improvisiert.
Und dann der Vorschlag, mit dem Merz das Vakuum füllen will. Er greift in die Archive, zieht das Werk Ludwig Erhards aus dem Jahr 1957 hervor, „Wohlstand für alle", und ergänzt dessen drei Worte um ein viertes: Generationen. „Wohlstand für alle Generationen." Man muss sich das vorstellen wie einen Schneider, der einen alten Mantel aus der Mottenkiste holt, ihn ausbürstet, ein neues Futter einnäht und hofft, die Schneiderpuppe von 1957 trage den Stoff noch. Es ist ein ehrliches Bild. Es ist auch ein verzweifeltes.
Während in Hannover über Überschriften nachgedacht wird, hat in Magdeburg längst jemand gewählt. Rund 1,7 Millionen Menschen waren aufgerufen. Siegmund hat zehn Punkte für die ersten hundert Tage skizziert: Rückzug aus dem Rundfunkstaatsvertrag und mittelfristig die Abschaffung des Rundfunkbeitrags von 18,36 Euro monatlich, ersetzt durch ein steuerfinanziertes Modell. Eine „Denk Deutsch"-Kampagne zur Wiederbelebung nationalen Stolzes. „Abschiebungen ab der ersten Minute", in einem Wortlaut, der an Donald Trump erinnert. Getrennte Klassenräume für Kinder ohne Bleibeperspektive. Das Ende der staatlichen Finanzierung politischer Stiftungen, die er als „Kumpanei" bezeichnet. Das ist nicht mehr das Programm einer Opposition. Das ist das Manifest einer Bewegung, die sich anschickt zu regieren. 39 bis 41 von 42 nötigen Sitzen, kurz vor der absoluten Mehrheit, Abweichler aus den Reihen der Konservativen als Hoffnung.
Die Frage, die sich stellt, ist nicht neu, aber ihre Schärfe ist es. Wer erzählt hier wem was? Die CDU sucht eine Überschrift. Die AfD braucht keine mehr — sie ist bereits die Überschrift. In Sachsen-Anhalt hat sich das Blatt gewendet, noch bevor Merz in Hannover den ersten Satz seiner Selbstkritik hatte beenden können. Was bleibt, ist die Diskrepanz zwischen dem, was gesagt wird, und dem, was gezählt wird. In den Talkshows wird man Merz' neues Narrativ auseinandernehmen wie einen Kuchen auf einer Parteiversammlung. Man wird loben, dass er es überhaupt versucht. Man wird tadeln, dass er es so spät versucht. Und während man redet, wird irgendwo in Sachsen-Anhalt bereits eine andere Geschichte geschrieben — eine, die keine Überschrift mehr braucht, weil sie selbst eine geworden ist.
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