Wenn die Handschuhe sprechen, schweigt der Kanzler
Schwerin, in diesen Tagen. Die Luft über dem Schweriner See ist jene Sorte von klar, die man nur im Norden kennt, und die Politik in Mecklenburg-Vorpommern ist jene Sorte von unverstellt, die man nur in den Wochen unmittelbar nach einer Wahl findet. Manuela Schwesig, die Ministerpräsidentin, hat die Handschuhe übergestreift — und das ist, in der Sprache dieses Handwerks, ein deutliches Signal.
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt liegt hinter dem Kanzler wie hinter ihr, nur dass beide das Resultat auf unterschiedliche Weise lesen. Friedrich Merz, CDU, liest aus dem Wahltag eine Lizenz. Er hat in den Tagen nach dem Urnengang zugespitzt formuliert, hat die arbeitenden Menschen ins Zentrum gerückt und jene benannt, die aus seiner Sicht zu wenig beitrügen. Manuela Schwesig, SPD, liest aus demselben Wahltag eine Verpflichtung zur Mäßigung. Sie, deren Partei in Sachsen-Anhalt nicht antrat, deren SPD aber im Bund mit dem Kanzler koaliert, hat sich entschieden, frontal zu antworten.
„Seine Beschimpfungen gehen an der Realität hier in meinem Bundesland jedenfalls vorbei", sagt sie vor die Kameras, und das Wort „jedenfalls" trägt das Gewicht eines Vertrags, der nicht gebrochen, aber umgeschrieben werden soll. Viele Menschen arbeiteten Vollzeit, fährt sie fort; sie spricht von Pendlern und Krankenpflegern und Erzieherinnen, sie spricht von der „arbeitenden Mitte", und sie tut es in einem Ton, der zwischen Bitte und Drohung changiert. Die zugespitzten Bilder — wer zu wenig arbeite, wer die Vier-Tage-Woche als Lebensentwurf pflege —, diese Bilder passten nicht zu den Menschen in Mecklenburg-Vorpommern, die um fünf Uhr morgens in Rostock in die Bahn steigen und in Schwerin Doppelschichten schieben.
Was Schwesig konkret fordert, ist benannt: Entlastungen für Pendler und Entlastungen für die arbeitende Mitte. Sie legt die Forderung vor, sie zählt die Postleitzahlen auf, in denen ihre Wähler wohnen, sie spricht wie eine Notarin, die ein Mandat verliest. Es ist die Sprache derjenigen, die weiß, dass man mit zugespitzten Sätzen in Talkshows Aufmerksamkeit gewinnt und mit konkreten Forderungen in Koalitionsrunden Vertrauen. Sie spielt, mit anderen Worten, auf zwei Brettern.
Der Kanzler hat sich zu der direkten Attacke aus Schwerin bisher nicht öffentlich geäußert. Dieses Schweigen ist seinerseits eine Aussage. Wer schweigt, wenn eine Koalitionspartnerin ihn mit solchen Worten adressiert, der zeigt entweder, dass er die Kritik nicht hören will — oder dass er sie für so gewichtig hält, dass eine rasche Antwort mehr verraten würde, als sie nutzt. Beides wäre bemerkenswert.
Was den Blick des Beobachters verdient, ist nicht das Vermuten hinter der Stirn, sondern das, was auf dem Tisch liegt: eine Koalition im Bund, deren Tonlage rauer wird; ein Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt, das als Hebel benutzt werden kann, aber auch als Belastung; eine Ministerpräsidentin, die aus dem Norden heraus jene Adresse formuliert, die im Süden und Westen der Republik oft genug fehlt. Wer aus einer Landtagswahl eine Generalauszählung der Arbeitsmoral macht, der macht sich diejenigen zum Adressaten, die morgens um vier aufstehen — und er macht sich diejenigen zum Adressaten, die sich ohnehin sicher wähnen. Es ist ein Mechanismus, der in Demokratien immer dann greift, wenn die große Bühne die kleine zu schlucken droht.
Was bleibt, ist das Bild einer politischen Bühne, auf der das Parkett zu beben beginnt, während die Logen noch hell erleuchtet sind. Die Pendler, die Krankenpfleger, die Erzieherinnen — sie sind in diesem Stück das Publikum, das die Eintrittskarte bezahlt hat und nun zusieht, wie die Akteure einander die Handschuhe vor die Füße werfen. Die Frage ist nicht, wer den Handschuh aufhebt. Die Frage ist, ob das Stück zu Ende geht, bevor das Parkett bemerkt, dass die Luft bereits dünn wird.
Man trägt Handschuhe in diesem Metier. Man trägt sie, damit die Hände sauber bleiben. Aber Handschuhe sind, man darf es nicht vergessen, auch dazu da, sie einem Gegenüber vor die Füße zu werfen — wenn das Protokoll es verlangt.
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