Zwei Milliarden Dollar und ein Mann ohne Handschellen
Es gibt Geschichten, die beginnen mit einer Zahl und enden mit einer Tür, die sich schließt. Dies hier beginnt mit zwei Milliarden Dollar — und endet, soweit man es heute sagen kann, mit einer verschlossenen Tür in einem Land, dessen Rechtssystem nicht für die Forderungen eines anderen zuständig ist.
Die Summe ist in den Vereinigten Staaten keine Zahl mehr, sondern eine Geographie. Zwei Milliarden Dollar, so heißt es in amerikanischen Ermittlungen, sollen über Abrechnungssysteme für telemedizinische Leistungen geflossen sein — also über jene Branche, die in den Jahren der Pandemie so schnell wuchs, dass keine Aufsicht folgen konnte, und die seither ein bevorzugtes Feld geworden ist für jeden, der zwischen Bildschirm und Abrechnung einen Schlitz findet, durch den Geld passt, das eigentlich für Patienten gedacht war.
Telemedizin. Man darf sich darunter nicht nur ein freundliches Licht am Laptop vorstellen, sondern ein ganzes Netz aus Telekommunikationscodes, Versicherungsnummern und Krankenakten, das sich über das Land legt wie ein zweiter Schatten über dem ersten. Wer in diesem Netz den richtigen Faden zieht, zieht Geld. Wer es geschickt anstellt, zieht sehr viel Geld.
Der Mann, an dessen Fäden diese Geschichte hängt, heißt Sutton.
Sutton, so berichten es übereinstimmend die russische Redaktion von Radio Free Europe / Radio Liberty sowie das investigative Medium istories.media, hält sich heute in Russland auf. Die Berichte beschreiben ein Leben, das sich nicht mehr in den Kategorien eines flüchtigen Verdächtigen fassen lässt, sondern in denen eines Mannes, der angekommen ist. Häuser, deren Mieten in einer Währung bezahlt werden, die mit dem Rechtsstaat nicht mehr viel gemein hat. Aufenthaltsorte, die in keiner offiziellen Registrierung auftauchen, was niemanden überrascht, der einmal eine Landkarte aufgeklappt und die richtigen Striche gezogen hat.
Ilya Shumanov, ehemaliger Direktor der russischen Sektion von Transparency International, hat den Satz formuliert, der diesen Vorgang in einem einzigen Rahmen zusammenfasst: „Das amerikanische Rechtssystem wird Sutton in Russland nicht erreichen können."
Man muss diesen Satz zweimal lesen, weil er so klar ist, dass das Auge darüber hinweggleitet. Er sagt nichts über die Schuld Suttons, nichts über die zweitausend Millionen Dollar, nichts über die Patientenakten, die angeblich als Vorlage für Behandlungen dienten, die niemals stattfanden. Er sagt nur, wo die Weltkarte gerade eine Falte wirft, unter der ein Verfahren verschwindet. Und er sagt es im Präsens, nicht im Konjunktiv — was bei ehemaligen Direktoren einer Antikorruptionsorganisation selten vorkommt, weil das Präsens in solchen Berufen gewöhnlich als Schwäche gilt.
Die amerikanischen Behörden führen ihre Akten. Sutton führt seinen Haushalt. Zwischen diesen beiden Sätzen gibt es kein Verb, das in einem Gerichtssaal Verwendung fände; es gibt nur ein Verb, das in Geographie vorkommt — die Distanz. Und die Distanz, das ist die alte Lektion, ist weder Strafe noch Begnadigung, sondern einfach ein Ort, an dem ein Verfahren weder ja noch nein sagen kann.
Was aus Sutton wird, weiß heute niemand. Nicht der Ankläger, nicht die Quelle, nicht die Kanzlei. Nur die Adresse weiß es. Und Adressen schweigen bekanntlich in einer Sprache, die niemand übersetzt.
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