Die ungezählten Toten — Eine Frage an die offiziellen Zahlen
Man hat mir in Genf beigebracht, dass Zahlen die höflichste Form der Lüge sind. Sie lächeln nicht einmal, wenn sie lügen. Sie stehen einfach da, ordentlich gedruckt auf weißem Papier, und warten darauf, dass jemand glaubt.
Eine Meldung der Plattform EurekAlert, verbreitet durch einen Hinweis im Naked-Capitalism-Newsletter dieser Tage, trägt einen Titel, der nicht so schnell vergessen werden sollte: „Widespread COVID death underreporting around the world raises broader questions about the reliability of official information." Übersetzt, ohne Ausschmückung: Es wird, so heißt es, weltweit zu wenig gezählt. Und diese Unterzählung, so der Unterton, wirft Fragen auf — über das, was man offiziell erfährt, und über das, was man offiziell nicht erfährt.
Ich habe gelernt, solchen Sätzen nicht sofort zu trauen.
Wir veröffentlichen an dieser Stelle keinen einzigen Satz über die Originalität dieser Quelle, keinen über ihre Glaubwürdigkeit, und wir werden es auch nicht tun, bis sie durch unabhängige Fakten gestützt ist. Das ist keine Pedanterie. Das ist die einzige Disziplin, die eine Zeitung von einem Flugblatt unterscheidet. Wer eine Zahl druckt, ohne sie vorher gewogen zu haben, schreibt keine Zeitung mehr — er verteilt Beifall.
Doch der Verdacht, den der Titel weckt, ist älter als jede Pressemitteilung. Seit jenem ersten Quartal des Jahres 2020, als die Listen in den Zeitungen immer länger wurden und in den Krankenhäusern die Apparate nicht ausreichten, haben jene, die am Rande der offiziellen Statistik arbeiten — Pathologen, Bestatter, Versicherungsmathematiker, demographische Büros — eine Differenz benannt, die mit keiner amtlichen Zahl jemals vollständig verschwand. Übersterblichkeit nennt man das jetzt, beinahe zärtlich, als handele es sich um eine meteorologische Erscheinung. Es ist keine.
Eine Pandemie, die nicht gezählt wird, ist eine Pandemie, die nicht bezahlt wird. Eine Pandemie, die nicht bezahlt wird, ist eine Pandemie, der nicht geholfen wird. Diesen Satz, in einer seiner früheren Fassungen, hat mir einmal ein Botschafter ins Gesicht gesagt, bevor er sich die Handschuhe anzog. Ich habe ihn nicht vergessen. Nicht aus Sentimentalität — aus Gewohnheit.
Es lohnt sich, an dieser Stelle präzise zu sein, denn Präzision ist das Einzige, was uns vom Gerücht trennt. Die Frage, die der Hinweis aufwirft, lautet nicht, ob jemand lügt. Die Frage lautet, mit welcher Methode gezählt wird, wer diese Methode festlegt, und welche Interessen im Raum stehen, wenn eine Zahl zu klein ausfällt. Es gibt Regierungen, die von einer niedrigen amtlichen Inzidenz leben; Unternehmen, deren Bilanzen mit jeder Verlängerung der Krise sinken; und Gesundheitssysteme, deren Überlastung sich nicht offiziell sagen darf. Es wäre naiv zu glauben, dass diese Interessen sich gegenseitig aufheben. Sie addieren sich.
Noch einmal, weil es wichtig ist: Wir wissen nicht, was genau die zitierte Untersuchung behauptet. Wir wissen nicht, welche Regionen sie umfasst, welchen Zeitraum, welche Definition von COVID-Todesfall sie zugrunde legt. Wir wissen nicht, ob sie die Übersterblichkeit heranzieht, ob sie Spätfolgen einrechnet, ob sie von bestätigten Fällen spricht oder von plausiblen. All das sind keine Nebensächlichkeiten. Eine solche Studie kann methodisch brillant oder methodisch katastrophal sein — und beides wäre anhand einer Überschrift nicht zu entscheiden. Die Verifizierung, so schreibt es unser Hausstandard vor, steht über dem Ton.
Die Kunst des Verdachts besteht darin, ihn auszuhalten, ohne ihm zu verfallen. Die Kunst der Zeitung besteht darin, einen Verdacht zu drucken, ohne ihn zur Anklage zu machen. Wir tun heute das eine und unterlassen das andere — in dem vollen Bewusstsein, dass eine Überschrift, einmal in die Welt gesetzt, ihren eigenen Weg geht, unabhängig von dem, was darunter folgt.
Es bleibt also, was es ist: ein Hinweis. Eine einzelne Meldung, ein einzelner Titel, eine einzelne Quelle. Wir werden sie prüfen, wir werden unabhängige Bestätigung suchen, wir werden mit denjenigen sprechen, die in den statistischen Ämtern dieser Welt die Stifte spitzen, mit denjenigen, die Totenscheine ausstellen, und mit denjenigen, die im Hintergrund entscheiden, was eine Pandemie offiziell ist und was sie nicht ist. Bis dahin gilt: Was nicht verifiziert ist, ist nicht geglaubt. Was nicht geglaubt ist, ist nicht gedruckt. Und was nicht gedruckt ist, wartet — in der Schublade, in den Handschuhen, in der sehr langen Geduld einer Journalistin, die einmal gelernt hat, dass das Wichtigste an einem Vertrag der Satz ist, der nicht eingehalten wird.
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