Börse 1937
Terminal Tribune

13. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Berlins doppelte Choreografie: Links der Protest, rechts die Stadtführung

13. September 2026 — — Kastner

Während die einen das Rote Rathaus stürmen wollen, erzählen die anderen seine Geschichten gegen Eintritt. Berlin im September 2026: eine Stadt, die sich selbst als Bühne begreift und nicht mehr weiß, in welchem Stück sie steht.

KI-generierte Illustration zum Beitrag

Auf der einen Seite die Szene, die sich schroff gibt. Die „Linke in der Linken" veröffentlicht eine Erklärung, abgedruckt auf der Webseite der Linksjugend Solid — als sei Solid der richtige Adressat für jene, die von Solid nicht stammen wollen. „Die erneute Orientierung auf eine Regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen halten wir für falsch", heißt es dort. Berlin solle „Ort sein, an dem eine konsequente linke Opposition organisiert wird — laut, solidarisch und unnachgiebig". Die rhetorische Frage, die sie stellen, ist alt und trägt die Handschrift der Fragesteller: „Wollen wir gemeinsam mit SPD und Grünen das Elend dieser Regierung mitverwalten — oder machen wir Berlin zur Herzkammer des Widerstands?" Widerstand wogegen, sagen sie nicht. Widerstand wofür nur andeutungsweise. Aber immerhin: „Gegen Kürzungspolitik und Aufrüstung. Für die Enteignung großer Wohnungskonzerne. Für die Freiheit Palästinas. Gegen die Wiedereinführung der Wehrpflicht und für bundeswehrfreie Schulen." Eine Liste, die so lang ist, dass sie nichts mehr ausschließt.

Auf der anderen Seite, eine S-Bahn-Fahrt entfernt: CORRECTIV und der Verein querstadtein. Sie entwickeln, so eine Mitteilung vom 4. September 2026, gemeinsam „Stadtrundgänge, die Journalismus, Demokratie, Kunst und Exilerfahrungen miteinander verbinden". Exilierte Medienschaffende führen durch Berlin. Sie erzählen von Heimat, Flucht und Neuanfang. Sie sind Stadtführer und Material zugleich — Personen, die ihre eigene Geschichte aufführen, damit andere sie buchstäblich oder per Spende beklatschen. „Als Stadtführer geben sie Einblicke in ihre persönlichen Erfahrungen", schreibt CORRECTIV selbst. Man bietet das Format Schulklassen an, Unternehmen, Organisationen, Journalisten, Privatpersonen. Exil als Bildungsangebot. Pressefreiheit als pädagogisches Produkt. Biografie als Stadtplan.

Zwei Vorgänge, scheinbar ohne Berührung. Auf der einen Seite die pathetische Geste einer linken Minderheit, die jede Nähe zur Macht wie eine Sünde behandelt. Auf der anderen eine journalistische Non-Profit-Architektur, die das Leid anderer in ein Format gießt, das nachmittags um vier beginnt und gegen Anmeldung stattfindet.

Doch die Trennung ist nicht so sauber, wie die Akteure sich geben. Wer in Berlin Politik macht, macht Bühne. Wer in Berlin Bühne macht, macht Politik. Die Ultralinke weiß das. Ihre Erklärung liest sich wie ein Drehbuch — Sätze als Soufflierkästen, in denen die Regieanweisung schon eingebaut ist: „laut, solidarisch und unnachgiebig". Sie sagen nicht, was sie tun wollen. Sie sagen, wie sie klingen wollen. Der Landesgeschäftsführer Bjoern Tielebein gibt das Gegenstück: „Noch nie war unser Wille so klar, so geschlossen, so kampfbereit wie in diesem Wahlkampf." Auch er inszeniert. Nur mit umgekehrter Stoßrichtung: hinein ins Rote Rathaus, koste es, was es wolle. In Umfragen liegt die Linke mit ihrer Spitzenkandidatin Elif Eralp bei 19 bis 22 Prozent, Platz eins oder knapp hinter der CDU. Gemessen wird nicht an Inhalten, sondern an Quoten.

Bei CORRECTIV ist das Prinzip nicht weniger theatralisch, nur professioneller verkleidet. Man verkauft Aufklärung. Man veröffentlicht Faktenchecks — über gefälschte Maischberger-Gespräche, über angebliche Kriegserklärungen Merz' an Russland, über Wahlbetrug-Videos aus Sachsen-Anhalt, die keine sind. Man füllt Petitionen, unterhält einen WhatsApp-Kanal, schaltet eine Telefonnummer für Hinweise. Man fordert die Bundesregierung auf, Pressefreiheit und Medienvielfalt zu schützen — ein Geschäft, das nach Selbstlosigkeit riecht und nach Fundraising-Mailing daneben. querstadtein bringt die Stadterfahrung ein, CORRECTIV die Reichweite. Beide brauchen einander. Beide brauchen das Exil, denn ohne Exil keine Geschichte, ohne Geschichte keine Stadtführung, ohne Stadtführung keine Anmeldung, ohne Anmeldung keine Wirkung, ohne Wirkung kein Spendenaufruf.

Was bleibt, ist ein Panorama der Inszenierung. Die Ultralinke will nicht regieren — warum nicht? Weil Regieren Kompromiss heißt, und Kompromiss das Ende der Pose. Also bleibt man oppositionsfest und formuliert das Pathos so oft, bis es nach Wahrheit klingt. CORRECTIV will aufklären — aber Aufklärung muss finanziert werden, also wird sie zur Ware, verpackt als biografische Stadtwanderung, in der der Geflüchtete zur Attraktion wird, ohne es zu wissen, oder gerade weil er es weiß.

Beide Akteure reden über Strukturen. Beide sind selbst Struktur. Beide behaupten, das System zu kritisieren, und brauchen das System, um gehört zu werden. Die eine Fraktion braucht das Rote Rathaus, das sie nicht betreten will. Das andere Bündnis braucht die Stadt, die es durchquert, ohne sie zu verändern.

Man muss nicht behaupten, dass hier jemand heimlich die Fäden zieht. Man muss nur hinsehen, was sich zeigt: In Berlin wird im September 2026 gleichzeitig gegen Regierungsbeteiligung opponiert und Exil als Rundgang vermarktet. Die Stadt ist Kulisse und Akteurin zugleich. Die Akteure sind Kritiker und Produkt. Die Inszenierung gelingt, weil sie sich nicht widersprechen, sondern ergänzen. Die einen brauchen die Bühne, die die anderen bespielen. Die einen brauchen das Elend, das die anderen erzählen.

Wer in Berlin eine ehrliche Geste sucht, muss lange suchen. Wer eine gute Geschichte sucht, geht einfach mit.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 2 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Berliner Ultralinke widersetzen sich Regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen

    „„Die erneute Orientierung auf eine Regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen halten wir für falsch““ — wörtlich im Quelltext belegt

  2. ZITAT CORRECTIV und querstadtein entwickeln Berliner Stadtführungen zum Thema Exiljournalismus

    „In unserem neuen Projekt entwickeln wir gemeinsam mit querstadtein e.V. Stadtrundgänge, die Journalismus, Demokratie, Kunst und Exilerfahrungen miteinander verbinden.“ — wörtlich im Quelltext belegt

Herangezogene Quellen

  • 4 weitere Quellen waren beim Schreiben nicht abrufbar

3 Quellen · 2 davon belegt · 4 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort