Erinnerungen, die brennen, und Zeugnisse, die verblassen
Die Limousine fuhr durch den Morgenverkehr, das Schulkind stand vor dem Badezimmerspiegel und band sich die Krawatte, eine Frau weinte, ohne den Fernseher aus dem Blick zu lassen. Amerika erinnert sich an den elften September mit einer Präzision, die beinahe klinisch wirkt — als hätte das kollektive Gedächtnis jeden Handgriff jenes Dienstagmorgens in einem Aktenschrank abgelegt, datiert, signiert, abrufbereit. Die BBC hat kürzlich in Washington die Kamera aufgebaut und gefragt, und die Antworten kamen im Ton der Zeugenaussage. „Ich habe eine Limousine gefahren." „Ich habe mich für die Schule fertig gemacht." „Ich habe nur geweint." Das sind keine verschwommenen Stimmungen, keine mit der Zeit verwischten Bilder; das sind zeitgestempelte Erinnerungen, abgelegt wie Beweismittel in einem Gerichtssaal, der den Prozess noch immer nicht geschlossen hat.
Man sollte meinen, eine Nation, die ihre kollektive Wunde mit einer solchen Treue bewahrt, könne nicht zugleich eine Nation im stillen Niedergang ihrer Bildungsinstitutionen sein. Man sollte es meinen. Aber das Gegenteil wird berichtet. Amerikanische Teenager — genau jene Kohorte, die jene staatsbürgerliche Wachsamkeit hätte weitertragen sollen, die der elfte September vermeintlich erzwang — schneiden akademisch offenbar schlechter ab als die Generationen vor ihnen. Die Diskrepanz ist nicht subtil. Sie ist jene Art von Widerspruch, die in meinem früheren Berufsleben ein sehr leises Treffen und eine sehr dicke Akte nach sich gezogen hätte.
Was hier zusammenstößt, ist die Frage nach dem Verhältnis zwischen individuellem Gedächtnis und institutioneller Substanz. Das private Erinnern lebt, es brennt, es reproduziert sich beim kleinsten äußeren Anlass, beim nächsten Flugverbot, beim Feuerwerk über der Skyline, bei jeder politischen Geste, die sich zum Pathos entschließt. Das institutionelle Erinnern ist eine ganz andere Sache. Es verlangt Akten, Stundentafeln, Budgets, Curricula, die Bereitschaft, Geld in die Hand zu nehmen, Lehrer in Klassenräume zu stellen, Bibliotheken zu unterhalten, Schulgebäude zu sanieren — kurz, die Bereitschaft, jene Räume zu verteidigen, in denen aus erinnernden Kindern irgendwann mündige Bürger werden sollen.
Hier ist Vorsicht geboten, denn die Quellenlage ist schmal. Die BBC-Videos zeigen Menschen, die sich erinnern; sie zeigen keine Klassenzimmer, in denen gescheitert wird. Die Verbindung zwischen der Intensität des Gedenkens und dem schleichenden akademischen Defizit lässt sich aus dem vorliegenden Material nicht beweisen — sie ergibt sich erst, wenn man die Puzzleteile nebeneinanderlegt und eine sehr alte, sehr unangenehme Frage stellt: Was hat eine Regierung zwischen dem Tag, den sie nicht vergessen kann, und dem Zeugnis, das sie nicht mehr lesen will, eigentlich getan — und was hat sie unterlassen?
Die Antworten, soweit sie sich aus öffentlich zugänglichen Berichten und den wiederkehrenden Klagen der Schulbehörden ablesen lassen, sind unbequem. Da sind, in mehreren Bundesstaaten, reale Kürzungen der Pro-Kopf-Bildungsausgaben, während Verwaltungsapparate wuchsen. Da sind Curricula, die nach politischen Konjunkturen umgeschrieben wurden, statt nach pädagogischer Logik. Da ist eine politische Klasse, die das Gedenken an den elften September in immer neuen, immer pathetischeren Zeremonien zelebrierte und gleichzeitig die Institutionen, in denen aus Kindern überhaupt erst Bürger werden, einer schleichenden Erosion überließ. Man muss das nicht als Komplott lesen; es ist das, was man in Genf eine Lücke zwischen Absichtserklärung und Implementierung nannte — also den schmalen Spalt, durch den jede große politische Geste am Ende ihre Kraft verliert.
Die amerikanische Erinnerung an den elften September ist, so belegt das BBC-Stück, von einer geradezu unheimlichen Treue. Sie funktioniert wie ein Archiv ohne Brandmelder, weil sie ohne jeden äußeren Anlass aktiviert werden kann, jederzeit, an jeder Straßenecke. Die Frage ist nicht, ob diese Erinnerung echt ist. Die Frage ist, was eine Gesellschaft mit einer Erinnerung macht, die so präzise ist, dass sie den Limousinenfahrer, das Schulkind, die Weinende exakt zurückbringt an jenem Dienstag — und die gleichzeitig zulässt, dass die Schulen, die diese Kinder am nächsten Morgen wieder betreten sollten, Stück für Stück ihre Substanz verlieren.
Es gibt Protokolle, die das regeln sollten. Es gibt die Berichte der Kommissionen, die nach jedem großen Schock eingesetzt wurden, um sicherzustellen, dass aus Schock wenigstens Lehre wird. Wenn diese Papiere in Archiven verstauben, während die Erinnerungen am Straßenrand von Washington mit jeder neuen Generation wieder erzählt werden — vom Großvater an die Enkelin, vom Nachbarn an den Reporter, der mit der Kamera vorbeikommt —, dann ist das nicht das Versagen eines einzelnen Schulbezirks. Dann ist es das Versagen einer politischen Klasse, die sehr genau weiß, wo sie am elften September war, und nicht mehr wissen will, was sie den Kindern am nächsten Dienstag schuldet.
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