Wer vom Nein zur KI profitiert: Tinte, Plastik und der Markt der Verweigerung
Wenn ein Füllfederhalter das Display mit Tinte bespritzt, ist das entweder ein Unfall oder eine Aussage. Im Fall der jüngsten Parker-Kampagne war es eine Aussage – und zwar eine, die unfreiwillig Aufmerksamkeit erzeugte. Ein einzelner LinkedIn-Nutzer hatte eine Anti-AI-Anzeigenidee für den Schreibgerätehersteller entworfen; Hunderte Beiträge folgten, Parker prämierte die besten Entwürfe, und schließlich landete die Aktion auf einer digitalen Werbefläche am Times Square in New York, wie das britische Magazin Creative Bloq dokumentierte. Geplant war das nicht. Passiert ist es trotzdem.
Was als spontane Verbraucherbewegung begann, ist inzwischen von einer breiteren Strömung eingeholt worden. Der Branchenüberblick 'The Anti-AI Portfolio', veröffentlicht über newsdirectory3, listet eine Reihe sehr konkreter Produkte auf, die derzeit anhaltende Nachfrage verzeichnen: Füllfederhalter, mechanische Armbanduhren, Tabletop-Miniaturenspiele wie Warhammer und analoge Fotografie mit traditionellem Filmmaterial. Die Käufer, so der Bericht, suchen 'tangible experiences' – greifbare Erfahrungen in einer Ökonomie der Unsichtbarkeit.
Die Mechanik dieses Marktes folgt einer bewährten Logik: Sobald sich eine Technologie flächendeckend durchsetzt, entsteht um sie herum ein Markt der bewussten Distanz. Wer es sich leisten kann, schreibt mit Tinte statt mit einer Texterkennung, hört Vinyl statt Streaming, belichtet 35-Millimeter-Film statt der Cloud zu vertrauen. Diese Form der Distinktion war nie billig. Heute ist sie politischer aufgeladen als früher, weil das, wovon man sich abgrenzt, nicht mehr nur eine Konkurrenztechnologie ist, sondern ein vollständiges Aufmerksamkeitsregime – Datenströme, Vorhersagen, automatische Empfehlungen, alles in einem einzigen Geschäftsmodell zusammengefasst.
Dass es nicht nur um Geschmack geht, zeigt ein Blick auf die beteiligten Branchen. Benu Pens etwa vertreibt über seinen offiziellen Onlineshop Premium-Schreibgeräte mit aufwendigen Designs und exklusiven Kollektionen – weltweit, ohne auf datengetriebene Werbenetzwerke angewiesen zu sein. Parker wiederum hat aus einer unbeplanten Kundeninitiative eine der meistbeachteten Werbeaktionen der vergangenen Monate gemacht, sichtbar an einem der meistfotografierten Orte der Welt. In beiden Fällen trägt das Produkt die Botschaft in sich; der Algorithmus tritt als Vermittler in den Hintergrund. Was bleibt, ist eine direkte Beziehung zwischen Hersteller und Käufer – und ein Vertrauenskapital, das jenseits von Klickpfaden entsteht.
Eine besondere Rolle spielt das Imperium. Tabletop-Miniaturenspiele wie Warhammer sind nicht nur Spielzeug, sondern komplexe Lizenzprodukte mit eigenem Kanon, eigener Ikonografie und einer Anhängerschaft, die Stunden in Zusammenbau, Bemalung und Spiel investiert. Auch im Videobereich hält das Universum Einzug: Auf YouTube versammeln sich aufwendig produzierte Cinematics zu Warhammer 40.000, in mehreren Sprachen kommentiert und mit Titeln wie 'Warhammer 40.000 Эпический научно-фантастический Игрофильм (4K UHD)' beworben – 'самые зрелищные и мрачные сцены' mit Space Marines, Ketzern und Tyraniden versprochen, die Atmosphäre firmiert unter dem Begriff 'Grimdark'.
Die ökonomische Frage liegt auf der Hand. Beobachter deuten den Trend in zwei Richtungen: Die einen lesen ihn als Ausdruck politischer Opposition gegen das Silicon Valley – gegen eine Kultur der algorithmischen Vorhersage, der Datenerhebung, der standardisierten Profilbildung. Die anderen sehen ihn als produktive Nische für Hersteller, deren Margen unabhängig von den Werbeausgaben bei Google, Meta und Co. wachsen – oder gerade wegen der Abwendung von diesen Plattformen wachsen. Welche Lesart zutrifft, hängt davon ab, ob man die Konsumenten für überzeugt oder für geschickt bedient hält.
Vermutlich stimmt beides. Eine ganze Industrie – von der Schreibgeräteproduktion über die Miniaturenherstellung bis hin zum Fachhandel für analoge Fotografie – hat ein geschäftliches Interesse daran, dass die Aufmerksamkeit sich nicht vollständig in generierte Bilder und synthetische Texte verflüssigt. Dieses Interesse ist offen ausgesprochen und betrifft Margen, Werbeetats und Kundenbindung gleichermaßen; Hersteller, die greifbare Produkte verkaufen, müssen sich nicht für algorithmische Verteilungslogiken verbiegen. Ob die Konsumenten das goutieren, weil sie wirklich überzeugt sind, oder weil die entsprechenden Produkte besonders gut aussehen, wird jeder für sich entscheiden – und mit ihm die Quartalsbilanzen der kommenden Saisons.
Belastbare Marktgrößen oder harte Umsatzzahlen legen die vorliegenden Quellen nicht vor. Was sie zeigen, ist ein Trend, der sich selbst beschreibt: Etablierte Marken bedienen eine wachsende Nachfrage nach Gegenständen, die vor der algorithmischen Welle erfunden wurden und ohne sie auskommen. Ob diese Nachfrage eine anhaltende Konsumkultur begründet oder eine konjunkturelle Welle bleibt, werden die nächsten Quartale zeigen – möglicherweise auch, ob die Anbieter ohne datengetriebenes Marketing langfristig das Volumen generieren können, das die Plattformen ihren Werbekunden versprechen.
Sicher ist nur: Wer am Times Square Tinte spritzt, hat eine Bühne gewählt, an der er gesehen wird. Wer eine mechanische Uhr kauft, hat eine Bühne gewählt, an der er nicht gesehen wird. Beide Szenen gehören derzeit zum selben Markt – und die Frage, wer daran verdient, ist noch offen.
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