Schnelle Lösungen, langsamer Zweifel
Manhattan, Anfang September. Ein Pfeifenkopf glüht im Halbdunkel meines Büros, irgendwo zwischen Stapeln alter Manuskripte und dem Geräusch der Setzmaschine zwei Stockwerke tiefer. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
Sofia Richie Grainge, die junge Dame mit dem Schimmer, der früher nur den Hepburns gehörte, schwört auf Haarkapseln. Nutrafol, postpartum formula, speziell für Frauen nach der Geburt entwickelt. Just in time for Labor Day, wie die Marketingabteilung mit der Feierlichkeit eines Kirchengläubigen verkündet, gibt es das Präparat bis zu fünfundzwanzig Prozent billiger. Plus kostenlose Reisegeschenke. Für das Auge, das müde wird vom Scrollen, sieht das aus wie ein Schnäppchen. Für das Auge, das gelernt hat hinzusehen, sieht das aus wie ein anderes Wort für Beunruhigung.
Nehmen wir den klinischen Beweis auseinander, weil das getan werden muss. Zweiundzwanzig Frauen, null bis zehn Monate nach der Geburt, neunundneunzig Prozent — Verzeihung, einundneunzig Prozent — sahen nach zwei Monaten weniger Haarausfall. Eine Stichprobe von zweiundzwanzig. Im wirklichen Leben ist das die Zahl der Leute, die morgens im Aufzug mitfahren. Kein Peer-Review, keine Kontrollgruppe, kein Vergleich gegen Placebo, zumindest nicht in dem, was das Unternehmen uns präsentiert. Die Zutatenliste liest sich wie das Inhaltsverzeichnis eines ambitionierten Reformhauses: DHA-Omega-3, Tokotrienol-Komplex, Theanin, Shatavari, marines Kollagen, Brennnessel mit Apfel-Polyphenolen. Klingt gesund. Klingt nach sehr viel. Heilt nichts nachweislich. *Fact-Check notwendig.*
Dann Brittany Mahomes, dann Bethenny Frankel. Markenbotschafterinnen wie Rangabzeichen einer neuen, säkularen Religion des Wohlgefühls. Wir kaufen keine Kapseln. Wir kaufen das Gefühl, dass jemand anderes das Problem gelöst hat. Dass das Haar wächst, dass die Schultern sich senken, dass die Welt, in der ein junges Model nach der Geburt eines Kindes immer noch aussieht wie vor der Schwangerschaft, eine bestellbare ist.
Diese Mechanik, geneigter Leser, kennt mehr als nur die Haarpflege. Sie kennt das Politische. Während die Boulevardpresse ihre Spalten mit Sofas und Matratzen füllt — Novilla, AiryFlow, Raymour & Flanigan, ja, ich habe die Werbeprospekte gelesen, die jeder zur Kenntnis nehmen muss —, während die Konsumtempel ihre Fünfzig-Prozent-Rabatt-Schilder aufstellen, berichten andere Quellen, durchaus mehrere, über die Midterm-Wahlen. Den Spendenfluss, die Verschiebungen, die Frage, wohin das Geld fließt und warum. Auch dort wird einfachen Antworten gehuldigt. Auch dort flackert das Versprechen: ein Kandidat, eine Lösung, ein verschnürtes Paket.
Das ist das Gemeinsame. Die schnelle Lösung ist ein Produkt. Sie verkauft sich, weil die Angst, die sie adressiert, real ist. Haarausfall nach der Schwangerschaft: real. Unsicherheit über die kommenden Wahlen: real. Beide werden in Kapseln verpackt, in Slogans gepresst, in einen Labor-Day-Sale eingewickelt, der bis zum zehnten September läuft. Was nicht verkauft wird: die Komplexität. Was nicht gemessen wird: was passiert, wenn die Kapsel leer ist. Was nicht bezahlt wird: die unabhängige Studie, die herausfindet, ob marine Kollagenpeptide tatsächlich in der Haarwurzel ankommen oder nur im Geldbeutel der Aktionäre.
Ich rauche meine Pfeife zu Ende. Die Setzmaschine rattert. Draußen wechselt die Stadt in den Herbst.
Wer, frage ich zum Schluss, finanziert die nächste unabhängige Untersuchung — und wer entscheidet, dass wir sie nie zu sehen bekommen?
❖ Ende des Artikels ❖
