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15. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Insulaner erheben sich — und niemand wagt es zu atmen

15. September 2026 — — Kastner

Es ist September, und in Cardiff treffen sich drei Erste Minister zu einer Choreografie, die seit Generationen geprobt wird: John Swinney von der Schottischen Nationalpartei, Michelle O'Neill von Sinn Féin, Rhun ap Iorwerth von Plaid Cymru. Sie kommen nicht als Regierungschefs — die Etikette wird sorgfältig gewahrt, denn was sie unterzeichnen, ist kein Verwaltungsakt. Es ist ein Manifest.

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Auf dem Tisch liegt ein Memorandum of Understanding, und die Sätze, die sie wählen, sind so alt wie das Völkerrecht selbst: "Our nations have the right to self-determination. No Westminster government has the right to block democracy." Man liest das, und man hört die Übersetzer von 1937, 1945, 1970 mitschwingen — jene Architekten, die mit denselben Vokabeln die Welt neu ordnen wollten. Damals wie heute: Die Selbstbestimmung ist eine elegante Waffe. Sie spricht von Völkern, doch sie meint Apparate.

Die Inszenierung ist mit Bedacht gewählt. Cardiff, die walisische Hauptstadt, ein Ort zwischen den Mächten — weder London noch Brüssel, weder ganz Insel noch ganz Festland. Laura McAllister von der Cardiff University erklärt später, die Sprache sei "deliberately" gehalten, eingebettet in die "broader constitutional language of self-determination". Eine Professorin, die das Offensichtliche bestätigt: Hier wird nicht verhandelt. Hier wird postuliert.

Was steht in dem Papier? Erneuerbare Energien, Beziehungen zur Europäischen Union, wirtschaftliche Entwicklung. Das sind die freundlichen Abschnitte, die Manöver der Sachpolitik, mit denen sich ein Manifest legitimieren lässt, das in seinem Kern ein anderes Wort enthält, das niemand ausspricht: Auflösung.

Die drei Parteien eint, was sie trennt: die SNP will ein unabhängiges Schottland, Sinn Féin ein wiedervereintes Irland, Plaid Cymru ein freies Wales. Die Wege sind verschieden, die Gegner identisch. Das Memorandum ist weniger ein Programm als ein Bündnis auf Widerruf — formell, flüchtig, taktisch. "For the first time ever", heißt es dort, "people across these islands have first ministers in Scotland, in Wales and in the North of Ireland who are all committed to independence from the United Kingdom." Man beachte das "committed to independence". Es ist das englische Wort für Treue, und es klingt hier wie ein Schwur.

Dann die Choreografie des Augenblicks: 48 Stunden zuvor hat der amerikanische Präsident in Irland gesagt, er würde es "love to see", wenn die Insel wiedervereint wäre — ausgesprochen auf einem Golfplatz, beim Irish Open, mit jenem Lächeln, das Weltpolitik in Wohltätigkeit verkleidet. Die Reihenfolge ist nicht zufällig. Das Memorandum kommt auf den Wunsch, der eben ausgesprochen wurde. Was eine Randbemerkung schien, war eine Initialzündung.

Doch der Text — und hier beginnt die wahre Arbeit — adressiert nicht Trump. Er adressiert "people watching across these islands — for people watching around the world". Es ist die Pose der historischen Stunde, das Selbstgespräch dreier Politiker, die sich als Sprecher eines Zeitalters inszenieren. "Momentum is behind our movements", heißt es. "Constitutional change is coming." Solche Sätze sind keine Beschreibungen. Sie sind Aufforderungen.

Was kostet diese Einheit? Westminster, natürlich. Premierminister Andy Burnham erhält eine Mitteilung, dass seine Regentschaft über die Inseln neu verhandelt wird. Die Konservativen, die Labour-Anpasser, die Liberaldemokraten — sie alle müssen sich fragen, ob das Königreich noch eine Fiktion ist, an der man festhält, oder eine, die man nur noch verwaltet.

Doch der Preis wird nicht nur in London gezahlt. Brüssel hat noch keinen Kommentar abgegeben, aber die EU-Verbindlichkeiten klingen bereits durch jeden Absatz des Memorandums: erneuerbare Energien, gemeinsame Wirtschaft, eine Zukunft, die "in the European Union" liegt. Das ist die zweite Front. Während die Keltischen Nationen Westminster den Krieg erklären, flüstern sie Brüssel die Friedensbedingungen zu. Eine Übung in Geopolitik, die in Genf nicht besser geprobt werden könnte.

Und dann — die Fragen, die niemand stellt. Was geschieht mit den Minderheiten? Was geschieht mit den Unionsgegnen in Schottland, den Protestanten in Nordirland, den Englischsprachigen in Wales? Das Manifest spricht von Völkern, aber es schweigt von den Menschen, die nicht mitmarschieren wollen. Ein Manifest, das keine Verlierer kennt, ist kein Manifest. Es ist ein Programm.

In Cardiff wird nicht unterzeichnet. Es wird erklärt. Die Handschuhe werden angezogen, die Bühne ist bereitet, die Kameras surren. Was zwischen den Sätzen fehlt — die Kosten, die Verlierer, die Adressaten — das wird die nächste Szene offenbaren. Bis dahin gilt, was auf solchen Bühnen immer gilt: Die historische Stunde gehört den Rednern. Die Mittagsstunde gehört denen, die rechnen.

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