Hannovers Schein und Pekings Schweigen
Es gibt Bühnen, die sind so hell beleuchtet, dass man die Augen zusammenkneifen muss. Die IAA Transportation 2026 in Hannover ist eine solche Bühne. GAC Commercial Vehicle betritt sie am 15. September mit dem Versprechen einer neuen Ära: „Delivering the Future Together", so das Motto des chinesischen Herstellers, der dort seinen globalen Auftritt feiert.
Der Auftritt ist sorgfältig inszeniert. Der T9 Robotruck, entwickelt mit Pony.ai, fährt mit vierter Generation autonomer Fahrtechnik vor, ausgestattet mit neun LiDARs, drei Radaren und dreizehn Kameras. Die Hardwarekosten liegen siebzig Prozent unter der Vorgängergeneration, die Transportkosten pro Tonnenkilometer etwa dreißig Prozent. Daneben steht der elektrische T9 Battery Swap Tractor für den Schwerlastverkehr. Die neue Leichtfahrzeug-Marke MONTX debütiert mit den Konzeptfahrzeugen P10 und V10, einer „All-Domain Adaptive Architecture" und einer Kooperationsinitiative namens MONTX Makers. Der SMILODON Pro, ein Pick-up in Serienproduktion, komplettiert die Aufstellung.
Die Zahlen, die das Unternehmen mitbringt, sind nicht ohne Gewicht. Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die Verkäufe um 205 Prozent gegenüber dem Vorjahr. GAC Commercial Vehicle baut auf den Strukturen des Joint Ventures GAC Hino auf, das seit fast zwei Jahrzehnten Erfahrung in Entwicklung, Fertigung und Qualitätsmanagement mitbringt, und nutzt das globale Vertriebs- und Servicenetz der GAC Group in 110 Ländern.
Jimmy Du, COO von GAC Commercial Vehicle, sagt das, was auf solchen Bühnen gesagt wird: Der Auftritt sei ein Meilenstein auf dem Weg zur Globalisierung, man wolle Produkte und Ökosystem gemeinsam mit Partnern weltweit weiterentwickeln und die neue Energie- und Nutzfahrzeugbranche in eine effizientere, intelligentere und nachhaltigere Zukunft führen. Es sind Sätze, wie sie an Ständen in Hannover fallen. Man muss sie nicht glauben, um sie zu verstehen. Man muss nur wissen, was hinter solchen Auftritten liegt.
Denn das Modell der chinesischen Expansion, das GAC Commercial Vehicle in Hannover so glanzvoll vertritt, hat ein anderes Gesicht. Es sitzt in einem anderen Gebäude, trägt einen anderen Namen, gehört aber zu demselben System staatlich gestützter Globalisierung. Die Rede ist von der Industrial and Commercial Bank of China, ICBC, der größten Bank der Welt, und von einem Mann, der dort jahrelang das Bild chinesischer Finanzmacht nach außen verkörperte: Zhang Hongli.
Zhang, in den internen Kommunikationswegen der Bank nur „ZHL" genannt, war Netzwerker, Golfpartner von Pekings Prinzlingen, führte zuvor die Asien-Einheiten von Deutsche Bank und Goldman Sachs, bevor er 2010 Senior Executive Vice President der ICBC wurde. Er reiste um die Welt, unterzeichnete Geschäfte, traf Firmenkunden, besuchte Filialen. Er war Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas und des Chinesischen Politischen Konsultativkongresses. In einigen Bankunterlagen, berichtet das International Consortium of Investigative Journalists, ICIJ, wird er als „Genosse" bezeichnet.
Sein Aufstieg bei der ICBC ging weiter, selbst nachdem seine frühere Arbeitgeberin, die Deutsche Bank, 2014 eine Zivilklage eingereicht hatte. Die Bank warf ihm vor, 3,9 Millionen Dollar unrechtmäßig an ein Beratungsunternehmen eines Verwandten überwiesen zu haben, während er die China-Einheit der Deutschen Bank leitete. Eine interne Untersuchung kam laut den von ICIJ eingesehenen Akten zu dem Ergebnis, dass er das Unternehmen benutzt habe, um Bankgelder abzuzweigen, die für ein Mandat bestimmt gewesen seien. Wie der Fall ausging, ist nicht dokumentiert.
Trotz dieser Vorwürfe einer hochrangigen Klägerin beförderte die ICBC Zhang zum Executive Director. Er wurde zu einer treibenden Kraft der internationalen Expansion der Bank.
2017 gratulierte ihm ein Reporter des chinesischen Staatsfernsehens zur erfolgreichen Finanzierung von Projekten im Rahmen von Präsident Xi Jinpings Belt and Road Initiative, der milliardenschweren Infrastrukturoffensive. In dem Interview räumte Zhang offen ein, dass die ICBC in jenen Ländern, in denen sie Geschäfte mache, politischen Einfluss anstrebe, zum Nutzen des chinesischen Staates, ihres Mehrheitsaktionärs. „Wird China entlang der Route Einfluss gewinnen? Natürlich", sagte Zhang. „Aus chinesischer Sicht gibt es nichts, wofür man sich entschuldigen müsste."
Zhang verließ wenig später die Bank und das Rampenlicht. Jahre später verhafteten ihn die chinesischen Behörden wegen Bestechung und weiterer Korruptionsvorwürfe, die elf Jahre zurückreichten, bis zu seinem Eintritt bei der ICBC. Die Akten, die ICIJ auswerten konnte, zeigen zugleich, dass die Bank selbst in dieser Zeit weltweit mit Korruptionsproblemen zu kämpfen hatte. Interne Audits der Pekinger Zentrale, Berichte der Personalabteilung und andere Unterlagen belegen demnach, dass Compliance-Mitarbeiter wiederholt ethische Verstöße und verdächtiges Verhalten meldeten, während die Bank ihre globale Expansion vorantrieb.
Man darf diese beiden Geschichten nicht in einen Topf werfen. GAC Commercial Vehicle ist nicht die ICBC, und Hannover ist nicht Peking. Aber sie stehen für dieselbe Grammatik des Auftritts: das Lächeln auf der Bühne, die Akten im Hinterzimmer. Solange die Scheinwerfer hell genug sind, fällt das Licht auf den Lieferwagen. Nicht auf den, der den Lieferwagen lenkt.
❖ Ende des Artikels ❖
