Funkstille im Quellenraum
Es gibt Geschichten, die beginnen mit dem Versprechen auf Wahrheit und enden mit dem Geräusch einer Tür, die sich schließt. Dies ist eine solche Geschichte — nur dass wir nicht einmal den Anfang vollständig kennen.
In der vergangenen Woche erreichte die Redaktion der Terminal Tribune ein Hinweis. Jemand, wir nennen sie der Anonymität halber eine Quelle, hatte Informationen angekündigt. Dokumente, hieß es. Belege. Die Sorte Papier, die in Genf auf langen Konferenztischen liegt und von Männern mit Tintenfingern unterschrieben wird, bevor sie zeremoniell in Aktenschränken verschwindet. Genau die Sorte Material, die eine Zeitung wie die unsere braucht, um aus dem Verdacht eine Nachricht zu machen.
Welcher Art diese Unterlagen sein sollten, wissen wir nicht. Aus welcher Hand sie kommen sollten, wissen wir nicht. Ob es sie je gegeben hat, wissen wir nicht. Denn zwischen dem ersten Lebenszeichen der Quelle und dem möglichen Abdruck liegt — nichts. Eine Telefonleitung, die nicht mehr klingelt. Eine Adresse, an der niemand mehr öffnet. Eine Stimme, die versprach zu sprechen, und nun schweigt. Verstummt. Hat sich, mit Verlaub, in Luft aufgelöst.
Das ist der Stand der Dinge. Mehr nicht.
Nun könnte man sagen, eine Zeitung lebe von ihren Hinweisen. Das ist richtig. Eine Zeitung stirbt aber auch an ihnen, wenn sie ungeprüft druckt, was eine unbestätigte Stimme ihr zuflüstert. Das Standardwerk der journalistischen Sorgfalt, das in diesem Gewerbe zwischen Glauben und Wissen steht, verlangt vor jeder Veröffentlichung die akribische Verifikation des Ausgangsmaterials. Wir haben in diesem Fall nichts, das einer Verifikation standhielte. Wir haben eine Ankündigung. Wir haben das Echo einer Ankündigung. Wir haben den Schatten einer Ankündigung. Wir haben keine Geschichte.
Das klingt nach wenig, und das ist es auch. Aber es ist immerhin genug, um darüber zu schreiben. Denn die Abwesenheit einer Nachricht ist nicht das Gleiche wie die Abwesenheit von Nachricht. Eine Redaktion, die schweigt, weil sie schweigen muss, schweigt aus anderen Gründen als eine Redaktion, die schweigt, weil ihr Schweigen bequem geworden ist. Wir schweigen hier aus Gründen der Methode. Wir warten. Wir prüfen. Wir lauschen, ob die Leitung irgendwann wieder ein Lebenszeichen von sich gibt. Bislang tut sie es nicht.
Die Stille, die wir beschreiben, ist keine Stille des Komplotts. Es ist die Stille eines Raumes, in dem jemand ein Licht angezündet, es dann aber doch wieder ausgelöscht hat, bevor wir den Raum betreten konnten. Wir stehen vor der geschlossenen Tür und hören — nichts. Wir sehen — wenig. Wir wissen — weniger. Wir vermissen — nichts, denn zum Vermissen gehört bereits ein Bild dessen, was da war.
Sollten sich die Umstände ändern, sollten die Unterlagen eintreffen, sollten sie sich als das erweisen, was eine Quelle vollmundig versprach, werden wir berichten. Ausführlich, mit allem Aufwand, den diese Zeitung sich leistet, wenn sie etwas Greifbares in Händen hält. Bis dahin gilt, was seit jeher in den Redaktionsstuben dieser Stadt gegolten hat: Was nicht verifiziert ist, wird nicht gedruckt. Was nicht gedruckt werden kann, wird nicht erfunden. Und was nicht erfunden werden darf, das bleibt — Stille.
In einer Zeit, in der die Welt Schach spielt und alle Welt mitliest, ist Stille ein Luxus, den sich nur wenige leisten. Wir können ihn uns leisten, weil wir ihn uns leisten müssen. Wir sitzen in einem Büro mit zugezogenen Vorhängen und warten, dass jemand anklopft. Bisher klopft niemand. Wir werden weiter warten, mit der Geduld von Leuten, die wissen, dass die Wahrheit zwar nie ganz pünktlich ist, aber dafür meist sehr genau dann kommt, wenn man am wenigsten mit ihr rechnet.
Bis dahin: diese Kolumne. Mehr haben wir nicht. Mehr können wir nicht bieten. Und wer jetzt enttäuscht die Zeitung zuklappt, der möge bedenken, dass Enttäuschung noch immer das ehrlichste Zeichen dafür ist, dass jemand mehr erwartet hat, als zu erwarten war. Wir entschuldigen uns nicht für die Stille. Wir entschuldigen uns nur dann, wenn wir sie brechen, ohne dass sie zu brechen ist.
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