Börse 1937
Terminal Tribune

17. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Gores doppelte Bühne: Klimapanik als Vorhang für KI-Verklärung

17. September 2026 — — Kastner

Es gibt Auftritte, die so sorgfältig choreografiert sind, dass man die Mechanik dahinter erst bemerkt, wenn der Applaus bereits verklungen ist. Al Gore, einstiger Vizepräsident, mittlerweile Hohepriester einer Klimabewegung, die sich zwischen Wall Street und moralischer Autorität eingerichtet hat, lieferte dieser Tage eine solche Vorstellung. Die Bühne war diesmal die KI-Debatte. Das Manuskript: bekannte Rhetorik in neuem Kostüm.

Zeitgenössische Anzeige (Illustration)
— Anzeige —

Was er sagt, klingt zunächst wie Vernunft. Die Klimakrise sei akut, beinahe übermächtig, und wer in dieser Stunde die Werkzeuge der künstlichen Intelligenz verteufele, der handele fahrlässig. KI, so die Botschaft, könne Emissionen berechnen, Netze optimieren, Ernten retten. Eine Technologie im Dienst der Rettung. Wer wollte da widersprechen? Wer wollte so wirken, als wählte er das Schwärmen gegen das Überleben?

Doch genau hier beginnt das Spiel, und genau hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Denn während Gore die Potenziale der KI für den Klimaschutz in leuchtenden Farben ausmalt, werden die Risiken dieser selben Technologie mit einer Geste beiseite gewischt, die an alte diplomatische Manöver erinnert. Man kennt sie aus Genf, aus Räumen, in denen Verträge unterzeichnet und gleichzeitig unterlaufen werden. Die Risiken, sagt Gore sinngemäß, seien real, aber überschaubar. Die Vorteile überwögen. Die Geschwindigkeit des Wandels erlaube keine Verzögerung.

Es ist eine kalkulierte Asymmetrie. Auf der einen Seite wird das Möglichkeitsfenster der KI mit der Verve eines Venture-Capital-Pitchs gezeichnet: Skalierbarkeit, Effizienz, disruptive Lösungen für ein Problem, das keine simplen Antworten mehr duldet. Auf der anderen Seite werden die bekannten, vielfach dokumentierten Gefährdungen – die Konzentration von Rechenleistung bei wenigen Akteuren, die ökologischen Kosten der Datenzentren selbst, die Frage nach Verantwortung und Kontrolle – zu Randnotizen einer ansonsten optimistischen Erzählung degradiert.

Man muss kein Verschwörungsdenker sein, um hier ein Muster zu erkennen. Es ist das Muster einer Rhetorik, die Dringlichkeit instrumentalisiert. Die Klimakrise, an deren Ernsthaftigkeit kaum noch jemand ernsthaft zweifelt, wird zur moralischen Währung, mit der eine andere Agenda legitimiert wird. Wer nach den Schattenseiten der KI fragt, gerät in den Verdacht, das Klima zu verraten. Eine elegante Zwickmühle, ersonnen in Räumen, in denen man das Timing solcher Wortmeldungen seit Jahrzehnten studiert.

Dabei sind die Fakten, die Gore beiseiteschiebt, keine Petitessen. Die Energiebilanz großer KI-Modelle ist Gegenstand ernsthafter Forschung. Die Frage, wem die Trainingsdaten gehören, welche Arbeitsbedingungen in den Lieferketten herrschen, wie algorithmische Entscheidungen zustande kommen, die über Ressourcenverteilung und Mobilität entscheiden – all dies gehört auf den Tisch, nicht unter ihn. Doch wer diese Themen anspricht, wird in Gores Erzählung rasch zum Bremser, zum Pessimisten, womöglich zum Leugner.

Es ist eine alte Figur. Man kennt sie aus der Wirtschaftsgeschichte, aus der Energiepolitik der vergangenen Jahrzehnte. Jede neue Technologie, die sich als Heilsbringer inszeniert, brachte ihre eigene Grammatik der Verschiebung mit. Die Risiken wurden nicht geleugnet, sondern relativiert. Immer im Verhältnis zu den Chancen. Immer mit dem Verweis auf die Dringlichkeit. Und immer mit dem Versprechen, dass sich die offenen Fragen schon klären ließen, später, wenn die Technologie erst etabliert sei.

Was an Gores Auftritt beunruhigt, ist weniger die Position selbst als die Vollständigkeit, mit der die andere Seite fehlt. Es ist, als würde ein Arzt, der eine komplexe Diagnose stellt, gleichzeitig die Nebenwirkungen der Therapie verschweigen, weil die Grunderkrankung so schwer wiegt. Man kann das für Pragmatismus halten. Man kann es aber auch für eine Form der Verantwortungsverschiebung lesen, die in politökonomischen Kreisen bestens bekannt ist: die Entscheidung über die Rahmenbedingungen einer Technologie wird jenen überlassen, die sie entwickeln. Die Öffentlichkeit erhält die Erlaubnis zur Hoffnung, nicht die Werkzeuge zur Kontrolle.

Die Frage, die sich nach solchen Auftritten stellt, ist jene nach dem Tag danach. Wenn die Klimabilanz der KI sich als problematischer erweist als prognostiziert. Wenn die Machtkonzentration in wenigen Händen sich verfestigt hat. Wenn die Regulierung hinter der Geschwindigkeit der Entwicklung zurückbleibt, weil jede Verzögerung als Verrat an der Klimazukunft gerahmt wurde. Was dann?

Es gibt eine Stille nach solchen Reden, die mehr sagt als die Worte selbst. Die Zuhörer klatschen, die Kameras schwenken, die Schlagzeilen werden geschrieben. Und in den Fluren, in den Seitenstraßen der Diskussion, arbeiten jene weiter, die das Manuskript kannten, bevor es verlesen wurde. Sie wissen, dass die Verknüpfung von Klimanotstand und KI-Euphorie kein Zufall ist. Sie wissen, dass in solchen Momenten Politik gemacht wird, nicht auf Bühnen, sondern in den Köpfen.

Man darf gespannt sein, was bleibt, wenn nichts passiert.

❖ Ende des Artikels ❖

Erwähnt in diesen Akten

Aus diesem Ressort