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17. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Das einzige Bild war ein Buchdeckel

17. September 2026 — — Kastner

Moskau hat zugeschlagen — wieder einmal, und wieder einmal mit der juristischen Eleganz eines Hammers, der nach Eiern sucht. Am 14. September 2026 hat das Moskauer Bezirksgericht Tscherjomuschki drei Seiten auf den Plattformen BookPlaneta, Siteknig und Libsafe sperren lassen. Der Vorwurf, in den Akten festgehalten wie in Stein gemeißelt: Die Seiten enthielten „Bilder, die nichttraditionelle sexuelle Beziehungen propagieren". Nur: Das einzige Bild auf diesen Seiten war das Cover des Romans „Heated Rivalry" der amerikanischen Autorin Rachel Reid. Zu sehen sind zwei Eishockeyspieler, die sich zum Bully aufstellen.

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Die russische Zeitung Verstka fand die Entscheidung in der Online-Datenbank des Gerichts. Auf BookPlaneta und Siteknig war der Text des Romans bereits auf Anfrage des Rechteinhabers entfernt worden. Die Seite bei Libsafe wurde vollständig gelöscht. Übrig blieb das Cover. Und genau dieses eine Bild wurde zum Gegenstand eines Gerichtsbeschlusses, der nun die Sperrung der jeweiligen URLs durch die russische Medienaufsicht rechtfertigt.

Man muss sich das vorstellen, als Leser, der es nicht gewohnt ist, dass Bücher zu Beweisstücken werden: Zwei Männer in Trikots, Schläger in der Hand, Blicke aufeinander gerichtet — das ist die Szene, die ein Gericht als ausreichend erachtet, um die Verbreitung nichttraditioneller sexueller Beziehungen zu ahnden. Der Roman selbst handelt von einer Liebesgeschichte zwischen zwei Eishockeyspielern und wurde als gleichnamige Serie verfilmt, die international Beachtung fand. In Russland ist er ein Risiko, das niemand mehr eingehen möchte.

Dass die juristische Maschinerie hier Teil einer längeren Kette von Entscheidungen ist, gehört zur Aktenlage. Nachdem das russische Oberste Gericht die sogenannte „internationale LGBT-Bewegung" — ein Gebilde, das durch seinen eigenen Verbotsbeschluss überhaupt erst als Organisation Gestalt annahm — als extremistisch eingestuft hatte, wurde queere Literatur zu einer der heikelsten Kategorien für Verlage und Buchhandlungen. Verlage ziehen Titel aus dem Programm, Autoren werden umgeschrieben, Passagen geschwärzt. Die Liste dessen, was nicht mehr gedruckt, nicht mehr verkauft, nicht mehr gelesen werden darf, ist administrativ gepflegt und wächst beständig.

Im Jahr 2025 wurden Mitarbeiter des Verlags Popcorn Books angeklagt, an den Aktivitäten einer „extremistischen Organisation" teilgenommen zu haben — weil sie Bücher mit LGBT-Bezug vertrieben hatten, darunter den Bestseller „Sommer in einem Pionierhalstuch". Sie erhielten Bewährungsstrafen. Was in Tscherjomuschki nun geschieht, reiht sich in diese Entwicklung ein: Statt Verlage direkt zu kriminalisieren, wird die Verbreitung kriminalisiert — und sei es die Verbreitung eines einzigen Bildes. Es geht nicht mehr darum, ob ein Buch gegen ein Gesetz verstößt, sondern ob ein Cover dagegen verstößt. Die Argumentation des Gerichts braucht das Buch selbst nicht mehr zu kennen. Sie braucht nur das Bild, auf dem zwei Männer stehen, die in einem Roman ein Liebespaar spielen.

Die Sperrung ist vollzogen, die Plattformen haben reagiert. Was bleibt, ist ein Beschluss von bemerkenswerter Präzision: Wenn ein Cover genügt, dann genügt ein Titel, dann genügt ein Name, dann genügt eine Andeutung. Die russische Justiz muss das Buch nicht lesen. Sie muss es nur sehen.

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