Die einsame Quelle und das Schweigen der Archive
Eine einzelne Quelle ist in den Redaktionen, die ich kenne — und ich kenne mehrere, von Genf bis Wien, von Zürich bis jener Stadt an der Spree, deren Presselandschaft zunehmend dem Willen eines Mannes gehorcht — ein Gegenstand fast religiöser Verehrung und fast ebenso großen Misstrauens. Man behandelt sie wie einen seltenen Vogel, der zwar singen kann, aber auch dressiert sein mag. Wer liefert? Ein Minister, der seinen Rivalen stürzen will? Ein Beamter, der sich rächt? Ein Auslandskorrespondent, der seit Monaten keinen Zugang mehr hat und nun mit einer einzigen Behauptung sein Gesicht wahren möchte? Jede dieser Möglichkeiten hat in meiner Erfahrung bereits stattgefunden, mehrfach, in Variationen, die sich nur im Detail unterscheiden.
Die Versuchung, eine solche Quelle ungeprüft zu drucken, ist beträchtlich, denn die Druckerei wartet, die Auflage ist vorbereitet, und der Abonnementleser will seine Sensation. Was aber geschieht mit dem Wahrheitsgehalt einer Nachricht, wenn sie auf einem einzigen Fundament ruht und auf nichts sonst? Diese Frage ist nicht akademisch. Sie entscheidet, ob aus Berichterstattung Chronik oder Fälschung wird.
In den diplomatischen Salons, in denen ich gearbeitet habe, lernt man früh, dass Männer, die lächeln, nicht deshalb lügen, weil sie schlecht erzogen sind, sondern weil die Höflichkeit es ihnen erlaubt. Sie nennen die Dinge beim Namen nur in vertraulichen Gesprächen, und sie vertraulich zu nennen ist ihr höchstes Kompliment an den Gesprächspartner. Wer eine einzelne Quelle zitiert, ohne deren Stellung, deren mögliche Interessenlage und deren bisherige Verlässlichkeit offenzulegen, übernimmt die Maskerade. Er kleidet die höfliche Lüge in den Talar der Wahrheit.
Die Pflicht, eine solche Quelle zu prüfen, ist nicht Paranoia, sondern Handwerk. Eine Behauptung muss gegen das gehalten werden, was die Archive hergeben — die Verträge, die Protokolle, die nüchternen Zahlen, die jemand anderes in einer anderen Stadt zusammengetragen hat. Stimmt das Datum? Passt der Name zu dem Amt, das er angeblich bekleidet? Ergibt die Reihenfolge der Ereignisse einen Sinn, oder widerspricht sie dem, was alle anderen, unabhängigen Quellen berichten? Es ist eine langwierige, oft langweilige Arbeit, und sie wird in den Redaktionen am häufigsten dann abgebrochen, wenn die Konkurrenz schneller ist. Aber langweilige Arbeit ist die einzige, die den Namen Journalismus verdient.
Bemerkenswert ist, was eine Einzelquelle nicht sagt. Die Lücken sind häufig aufschlussreicher als die Behauptung selbst. Wenn ein Hinweis auf eine geheime Absprache kommt, aber keine näheren Umstände genannt werden, keine Daten, keine Mittelsmänner, dann ist zu fragen: Warum diese Sparsamkeit? Wer schützt wen? Welches Interesse hat der Informant daran, gerade diesen Teil zu offenbaren und jenen anderen zu verschweigen? Das Schweigen der Quelle ist strukturiert; es folgt einer Logik, und diese Logik aufzudecken ist die eigentliche Aufgabe, nicht das schnelle Abschreiben des Mitgeteilten.
Die redliche Antwort auf eine Einzelquelle ist daher oft die Zurückhaltung. Nicht jede Nachricht gehört auf die erste Seite. Manche gehören in den Kleindruck, versehen mit dem ausdrücklichen Hinweis, dass sie nicht unabhängig bestätigt werden konnte. Manche gehören gar nicht in die Zeitung, bis eine zweite Stimme spricht. Die Versuchung, dies zu ignorieren, ist nicht neu — sie ist so alt wie das gedruckte Wort. Neu ist die Geschwindigkeit, mit der heute entschieden werden muss, und neu ist das Vergnügen, das manche Leser offenbar daran finden, das Fragwürdige als erwiesen zu behandeln, sobald es nur irgendwo gedruckt steht.
Eine Quelle ist kein Beweis. Sie ist eine Verabredung. Sie sagt: Vertraue mir diesmal. Sie sagt nicht: Du musst. Die Zeitung, die ihre Leser ernst nimmt, antwortet auf eine solche Verabredung mit einer zweiten, einer dritten, einer vierten — oder sie schweigt und erklärt das Schweigen. Das ist, in dieser Zeit, in der die Mächtigen das Reden für sich gepachtet haben und die Archive immer schwerer zugänglich werden, kein Zeichen von Schwäche. Es ist das Letzte, was uns von ihnen unterscheidet.
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