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19. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Es gibt keine andere Option — Anatomie eines Satzes

19. September 2026 — — Kastner

Wenn ein Satz in diesen Tagen fällt, dann dieser: „Es gibt keine andere Option." Zwei Frauen aus Magdeburg haben ihn ausgesprochen, zwei Frauen, die sich Ute und Karin nennen lassen, weil sie um ihre Sicherheit fürchten. Sie sprechen für die Omas gegen Rechts, eine Initiative, die am 27. Januar 2018 in Deutschland gegründet wurde und seither in losen Ortsgruppen durch die Republik, die Schweiz, Österreich und Südtirol gewebt ist. An diesem Septemberwochenende 2026, nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, sagen sie: Wir machen weiter. Es gibt keine andere Option.

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Man darf den Satz beim Wort nehmen. Er ist alt, und er kommt zumeist aus dem Mund von Mächtigen. Helmut Schmidt sprach von der „Alternativlosigkeit" seiner Entscheidungen, Angela Merkel machte daraus ein politisches Prinzip, das den Diskurs schloss, bevor er begonnen hatte. Wer sagt, es gebe keine andere Option, der erklärt das Ende der Debatte zur Bedingung der Handlung. Wer zuhört, soll nicht mehr fragen, sondern tun.

Doch hier sind es nicht Mächtige, die so sprechen. Es sind Frauen, die auf Straßen gehen, Fakten verbreiten, Flüsterwitze sammeln. Ihre Wut ist eine andere als die der Politiker, die Alternativen wegdiskutieren. Sie entspringt einer konkreten Erfahrung: 44 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt haben am Sonntag für einen Landesverband gestimmt, den der Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch einstuft. Karin, die 1995 aus Hessen nach Magdeburg kam, erinnert sich an die Baseballschlägerjahre, an Glatzen und Kampfhunde. Ihr Sohn habe seine Heimat verloren. Am Samstag zuvor, beim Demokratiefestival, waren 15.000 Menschen auf der Straße. Es war, sagt Karin, einer der schönsten Tage, die sie je erlebt habe.

Dann der Sonntag. Die Bilanz des Interviews, das Rika Baack für netzpolitik.org mit den beiden geführt hat, ist eindeutig: Die Aktivistinnen stehen zu ihrer Form des Widerstands. Gegen Unwissen helfen Fakten, gegen Anfeindungen helfe Gemeinschaft. So weit, so verständlich. Die Frage ist nur, was der Satz „Es gibt keine andere Option" eigentlich leistet, wenn er aus diesem Mund kommt.

Er leistet zweierlei. Erstens beschreibt er eine Empfindung: Wer gegen eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei kämpft und dafür angefeindet wird, hat tatsächlich ein schmales Repertoire. Zweitens aber verschiebt er die Frage nach den Alternativen. Wer so spricht, verengt das Feld des Denkbaren auf das, was er selbst tut — Demonstrationen, Social-Media-Arbeit, Aufklärung. Eine andere Partei? Wäre zu prüfen. Eine andere Strategie? Wäre zu diskutieren. Ein Wegzug? Wäre zu erwägen. All das verschwindet hinter dem Diktum der Alternativlosigkeit.

Das ist nicht der Vorwurf an Ute und Karin. Es ist die Frage an das politische Milieu, in dem solche Sätze gedeihen. Die Omas gegen Rechts sind Teil einer zivilgesellschaftlichen Landschaft, die sich seit 2018 formiert hat und die im Sommer 2026, nach der ersten Schockstarre über das Wahlergebnis, in eine Erklärung des Vereins mündete: „Mut statt Wut", hieß es dort, man wolle stehen, immer wieder, gegen Faschismus und Rassismus. Die Botschaft ist klar. Sie lässt wenig Raum für die Frage, ob Stehen allein genügt.

Was hier zu Bedenken ist: Wir haben eine einzige Quelle. Ein Interview, geführt von einer Journalistin, mit zwei Aktivistinnen, die anonym bleiben wollen, aus einer Gruppe, die selbst Teil des Protests ist. Wer die Gegenposition hören will — die der 44 Prozent, die der AfD ihre Stimme gaben, die der Menschen, die am Sonntagabend feierten —, wird sie in diesem Text nicht finden. Das ist die Natur des Interviews, nicht sein Versagen. Aber es ist die Natur jeder Berichterstattung, dass sie benennt, was sie nicht zeigt.

„Es gibt keine andere Option" — der Satz ist ein Spiegel. Er zeigt die Entschlossenheit der Sprechenden und die Verengung des Raums, in dem sie handeln. Beides gehört zusammen. Wer ihn ungebrochen wiederholt, übernimmt die Logik derer, die er bekämpft: die Logik der Alternativlosigkeit, die seit Jahrzehnten von oben kommt und nun, aus dem Mund der Entschlossenen, von unten zurückkehrt. Das muss kein Fehler sein. Es verdient nur, beim Namen genannt zu werden.

In Magdeburg, nach der Wahl, bleibt die Hütte. Sie brennt, sagen die einen. Sie brennt nicht, sagen die anderen. Die Omas gehen hinein. Sie gehen hinein, weil sie es können. Nur fragen, ob man die Tür auch schließen könnte, das — so scheint es — darf man nicht.

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