Fünf Tage nach der Anklage — Die ICBC und Huaweis Nottransfer aus London
Es war ein bewölkter Samstagmorgen im Londoner Finanzdistrikt, und die Sonne hatte gerade erst die Themse erreicht, als neun Banker das Gebäude der Industrial and Commercial Bank of China betraten. Der 2. Februar 2019. In Peking bereitete man sich auf das Ende des chinesischen Neujahrsfests vor, die Hauptstadt würde für Tage stillstehen — doch in London, fünftausend Meilen entfernt, wartete eine außerordentliche Sitzung. Die Manager der ICBC-Niederlassung hatten ihre Mitarbeiter am Wochenende einbestellt. Die Bitte: 1,3 Milliarden Dollar. Sofort. Für Huawei.
Der Anlass, so steht es in den vertraulichen Aufzeichnungen der Bank, die dem International Consortium of Investigative Journalists vorliegen, war die „Repatriierung von Notfall-Barmitteln" eines strategischen Kunden. Fünf Tage zuvor hatte das US-Justizministerium eine Anklageschrift veröffentlicht, die Huawei des Betrugs, der Verletzung von Iran-Sanktionen und weiterer Straftaten beschuldigte. Die Finanzchefin des Unternehmens, die Tochter des Gründers, befand sich nach ihrer Festnahme in Kanada unter Hausarrest. Die diplomatische Eskalation, die folgte — die Verhaftung zweier Kanadier in China unter fabrizierten Spionagevorwürfen — hinderte die Londoner Banker nicht daran, die Transaktion innerhalb weniger Stunden abzuschließen.
„Es waren wahrscheinlich die negativen Nachrichten", sagte Chenhu Liu, ein leitender Bankangestellter, später einem internen Prüfer. Die Formulierung hat etwas Beiläufiges. Liu sagt nicht, was die Nachrichten waren. Er muss nicht. Jeder im Raum wusste es.
Die Transaktion selbst war nicht illegal. Was die Dokumente zeigen, ist die Bereitwilligkeit, mit der die Londoner Niederlassung gewöhnliche Bankprotokolle umging, um den Forderungen des chinesischen Mutterhauses nachzukommen — insbesondere, wenn ein Kundenverhältnis betroffen war, das in Peking als symbolträchtig galt. Die Compliance-Abteilung, jene internen Wächter, die für die Einhaltung von Anti-Geldwäsche-Vorschriften zuständig sind, wurde nach den vorliegenden Aufzeichnungen nicht informiert. Man kam ohne sie aus. An einem Samstag. In Stunden.
Die Dokumente gehören zu einem Bestand von 4,8 Millionen vertraulicher Bankunterlagen, die einen Zeitraum von zwanzig Jahren abdecken und im Rahmen der ICIJ-Recherche „China Capital" ausgewertet wurden, in Zusammenarbeit mit 23 Medienpartnern. Sie enthalten Kundendossiers, Sorgfaltsprüfungsberichte und Sitzungsprotokolle. Sie zeigen, wie Mitarbeiter der ICBC London rote Flaggen ignorierten und interne Richtlinien unter dem Druck der Pekinger Zentrale brachen. Das Bild, das sich aus den Akten ergibt, ist das einer Institution, in der die Bereitschaft, politisch verbundene Kunden zufriedenzustellen, gelegentlich mit der Pflicht zur Sorgfalt in Konflikt geriet.
Was an dem Morgen des 2. Februar geschah, war kein Einzelfall. Es war ein Muster, sichtbar gemacht durch den seltenen Umstand, dass die Papiere einer Bank auf einem Tisch landeten, der nicht in Peking stand. Die Transaktion hat stattgefunden. Sie wurde dokumentiert. Und sie wurde von Männern ausgeführt, die wussten, weshalb sie an einem Wochenende einbestellt worden waren.
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