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19. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Werkzeugkasten der Aufgeklärten

19. September 2026 — — Kastner

CORRECTIV, das gemeinnützige Recherchezentrum mit Sitz in Essen, hat am elften September dieses Jahres seine Werkzeug-Reihe vorgestellt. Zwei Bände liegen bereits vor – „Schlagfertig gegen Populismus" und „Schreiben mit Humor" – ein dritter, „Medienkompetenz für alle", ist angekündigt. Bastian Schlange, Redakteur des Hauses, hat die Reihe auf der Verlagswebsite beschrieben. Seine Worte klingen wie eine Pressemitteilung und sind doch mehr als das: sie sind die Geschäftsordnung einer neuen Pädagogik.

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Die Architektur verdient Aufmerksamkeit. Nicht weil sie falsch wäre – im Gegenteil, weil sie möglicherweise sehr richtig ist. Wer über Medienkompetenz schreibt, definiert, was als kompetent zu gelten hat. Wer den Werkzeugkasten öffnet, legt fest, welches Werkzeug in welcher Situation greift. Man lese also die Selbstdarstellung genau. CORRECTIV vermittle, so Schlange, „journalistisches Wissen aus der Praxis für alle". Man öffne seinen „journalistischen Werkzeugkasten", gebe Einblicke in die Arbeit der Faktencheck- und Investigativ-Redaktionen und teile dieses Wissen „kompakt, verständlich und direkt anwendbar".

Das klingt nach Aufklärung im besten Sinne. Es klingt auch nach einer Verschiebung. Eine Redaktion, die nicht mehr nur berichtet, sondern das Publikum schult, das sie berichtet, tritt aus der Rolle der Beobachterin heraus. Sie wird zur Lehrerin. Die Lehrerin aber entscheidet, was gelehrt wird.

Band eins, so heißt es, helfe, „politische Rhetorik zu erkennen und ihr zu begegnen". Man erinnere sich: Populismus ist ein politischer Kampfbegriff. Wer ihn definiert, legt fest, welche Positionen als legitim und welche als illegitim gelten. Parolen wie „Lügenpresse!", „Die Regierung treibt uns in den Ruin!" oder „Wir werden fremd im eigenen Land!" führt der Artikel als Beispiele an. Eingängig, emotional, mit dem Versprechen einfacher Antworten auf komplexe Fragen. Das ist zutreffend. Aber auch hier bleibt die Klassifikation selbst außen vor. Was eine „einfache Antwort" ist und was eine „komplexe Frage", entscheidet die Redaktion.

Band zwei lehre, „wie Sprache funktioniert und wie man Witz und Satire als demokratische Kraft nutzen kann". Beide Bände richteten sich, so Schlange, an alle, „die populistischen Behauptungen nicht das letzte Wort überlassen wollen". Wer dieses Buch aufschlägt, erhält keine Anleitung zur Prüfung von Behauptungen – er erhält eine Anleitung zur Antwort. Man lernt nicht primär, die Aussage zu verifizieren. Man lernt, ihr zu begegnen. Das ist ein Unterschied, den man mit Handschuhen anfassen sollte.

Die externe Bestätigung fällt, bei aller Sorgfalt, schmal aus. Ein Blogbeitrag aus dem Jahr 2017 spricht generell vom journalistischen Werkzeug, ohne Bezug auf CORRECTIV. Eine Auflistung aus dem Mai dieses Jahres verzeichnet KI-Werkzeuge für Redaktionen, ebenfalls ohne Bezug. Die substanzielle Korroboration liefert allein die Über-uns-Seite von CORRECTIV selbst, die das eigene Vorhaben in eigenen Worten darstellt. Mehr haben wir nicht.

Nun ist gegen Aufklärung grundsätzlich nichts einzuwenden. Wer die Mechanik politischer Sprache durchschaut, ist besser gewappnet. Das ist das alte humanistische Versprechen, und es hatte seine Berechtigung. Doch jedes Versprechen dieser Art hat eine Kehrseite. Wer definiert, was Manipulation ist, hat die Definitionsmacht über das Sagbare. Wer das Werkzeug bündelt, bündelt auch das Haus, in dem es liegt.

CORRECTIV beschreibt sich selbst als gemeinnützig und unabhängig. Beides ist formal zutreffend. Aber Unabhängigkeit ist kein Wert an sich; sie wird zum Wert erst durch Transparenz. Die Finanzierung der Reihe, die Auswahl der Autorinnen und Autoren, die redaktionellen Linien – all das bleibt im vorliegenden Artikel unerwähnt. Die Bücher erscheinen im CORRECTIV.Verlag, dem eigenen Haus.

Es wäre naiv, aus dieser Konstellation einen Skandal zu machen. Es wäre ebenso naiv, sie nicht zur Kenntnis zu nehmen. In einer Zeit, in der die Grenzen zwischen Information und Desinformation, zwischen Bericht und Meinung, zwischen Faktencheck und Erziehung fließend geworden sind, gewinnt jede Institution, die das methodische Rüstzeug zur Beurteilung bereitstellt, an Definitionsmacht. Die Werkzeug-Reihe ist der Versuch, diese Definitionsmacht zu popularisieren. Man kann das als demokratische Geste lesen. Man kann es auch als Erweiterung eines bereits bestehenden Monopols verstehen. Beide Lesarten schließen einander nicht aus.

Die Frage ist nicht, ob CORRECTIV das Recht hat, solche Bücher zu veröffentlichen. Selbstverständlich hat es das, und es hat es sich verdient. Die Frage ist, ob eine Gesellschaft damit zufrieden sein darf, dass eine einzelne Redaktion – sei sie noch so verdienstvoll – das Vokabular liefert, mit dem über Populismus, Desinformation und journalistische Standards verhandelt wird. Werkzeuge sind nützlich. Aber wer den Werkzeugkasten besitzt, besitzt auch das Haus.

Man trägt Handschuhe beim Lesen solcher Ankündigungen. Nicht aus Missgunst. Aus Gewohnheit.

❖ Ende des Artikels ❖

Herangezogene Quellen — 1 abrufbare Quelle

1 Quelle · 0 davon belegt · 3 externe Belege · 0 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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