Börse 1937
Terminal Tribune

19. September 2026

Dossier · Politik & Macht

Die Säulen fallen leise, das Kollektiv schreibt lauter

19. September 2026 — — Kastner

Der Journalismus, wie wir ihn kannten, schreibt sich gerade um. Nicht in den Feuilletons, nicht in den Pressemitteilungen, sondern in den Bilanzen, in den Kündigungsschreiben, die es offiziell gar nicht gibt, und in den Stellen, die nicht nachbesetzt werden. Es ist ein Strukturwandel, der keine Schlagzeilen macht, weil er selbst eine ist.

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Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer SE, hat einst öffentlich für Trumps Wahl gebetet. Nun, da die Politik des Gebeteten ihn erreicht, darf das hauseigene „Politico" nicht mehr ins Weiße Haus. Eine Demütigung, wie sie in den Annalen der Medienmacht selten verzeichnet wurde – nicht weil sie hart wäre, sondern weil sie so leise geschieht, im Vorzimmer, ohne Pressekommuniqué, ohne Aufhebens. In Großbritannien wurde unterdessen die Übernahme des „Daily Telegraph" genehmigt; die Expansion läuft, das Imperium wächst, doch die Geste des Ausgeschlossenwerdens bleibt. Wer im Staub liegt, kann sich nicht wehren, ohne noch tiefer zu sinken.

Das ist die eine Seite: die Erosion der alten Häuser, ihrer Allmachtsfantasien, ihrer Klinkenputzer-Routinen bei Hofe. Die andere Seite ist weniger spektakulär und deshalb erzählenswerter.

Anfang Juli hat die dreiköpfige Geschäftsführung von CORRECTIV einen Veränderungsprozess angekündigt, der über den Sommer weitestgehend umgesetzt wurde. Das Ziel: den gemeinwohlorientierten Journalismus durch Produktentwicklung und eine Anpassung des spendenbasierten Geschäftsmodells für die Zukunft abzusichern. Wer das Wort „Gemeinwohl" in einem Geschäftsbericht liest, weiß, dass hier jemand auf etwas setzt, das sich nicht an der Börse notieren lässt. Es ist ein Bekenntnis, das nach Vertrag klingt, weil es einer ist.

Florence Wild, Chief Development Officer, formuliert den Spagat in einem einzigen Satz, der zwei Welten zusammenbindet, als wären sie niemals getrennt gewesen: „Als gemeinwohlorientiertes Medienhaus sind wir gleichzeitig dazu angehalten, mit Spenden und Fördermitteln wirtschaftlich sorgsam umzugehen – aber eben auch Spielräume für unternehmerische Innovation zu nutzen." Sparsamkeit und Wagnis, beides zur selben Zeit, im selben Atemzug. Die Handschuhe der Wohlanständigkeit bleiben an.

Was bedeutet das, wenn man die Floskel ablegt? Die Abteilung Bewegtbild wird als eigener Geschäftsbereich ausgebaut, künftig mit Dokumentarfilm und Auftragsproduktionen. Hüdaverdi Güngör, zuvor im Partnermanagement und in der Formatentwicklung bei funk, übernimmt als Chefredakteur Bewegtbild und Social Media. Daneben, im Schatten der neuen Struktur: Personalstellen wurden abgebaut, über auslaufende Verträge und die Nichtnachbesetzung frei gewordener Stellen. Keine betriebsbedingten Kündigungen, wie CORRECTIV betont. Saadet Andirinli, Chief Operating Officer, spricht von geschätzten Kolleginnen und Kollegen, von gemeinsamem Verarbeiten, von einem zu stärkenden Team. Es sind die Floskeln der Trauer im betriebswirtschaftlichen Sakko, und wer sie hört, hört auch, was zwischen den Zeilen steht.

CORRECTIV.Faktencheck bleibt bestehen als spezialisierte Redaktion gegen Desinformation. Was sich ändert, ist die Architektur. Faktenchecks werden künftig konsequenter mit Community-Beteiligung und systematischer Datennutzung verknüpft. Über die Faktenforum-Plattform tragen Menschen Hinweise und Wissen zu laufenden Recherchen bei; die dabei entstehenden strukturierten Daten helfen, Desinformation nicht mehr als isolierte Falschbehauptung zu behandeln, sondern als Muster zu lesen. Big-Tech-Recherchen – zur Verantwortung großer Plattformen, zu Geschäftsmodellen, zum Digital Services Act – werden in der Investigativredaktion angesiedelt. David Schraven, Publisher, bringt es auf den Punkt: Desinformation habe so stark zugenommen, dass man auf Ansätze setzen müsse, die eine massive Skalierung ermöglichen, inklusive lokalisierter und mehrsprachiger Angebote.

Skalierung durch Gemeinschaft. Partizipation als Ressource. Das ist die Antwort, die sich abzeichnet, während andernorts Etats gekürzt, Investigativabteilungen zusammengelegt, Korrespondentennetze ausgedünnt werden. Die Verlage schweigen nicht, weil sie nichts zu sagen hätten, sondern weil das Sagen teuer geworden ist.

Wer profitiert von diesem Strukturwandel? Die Leserinnen und Leser, die nicht mehr nur konsumieren, sondern beitragen? Die Stiftungen und Förderer, die ihre Hebel längst auf gemeinwohlorientierte Häuser umstellen? Oder am Ende jene Plattformen, an die sich die Aufmerksamkeit verlagert hat und die nun die Infrastruktur für das gesammelte Wissen der Gemeinschaft gleich mitliefern – freundlich, kostenlos, gegen die Bedingung, dass man bleibt?

Es sind Fragen, die sich nicht in einer Schlagzeile beantworten lassen. Nur in einer Bilanz, die noch nicht geschrieben ist.

❖ Ende des Artikels ❖

Prüfbare Behauptungen — 0 von 2 Behauptungen belegt
  1. ZITAT Journalism is undergoing a shift or challenging period.

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

  2. ZITAT The future of common good-oriented journalism is located within the community.

    nicht woertlich zuordenbar — die Behauptung ist umformuliert oder findet sich nicht im Wortlaut der angegebenen Quellen; das ist KEINE Aussage darueber, ob sie belegt ist

Herangezogene Quellen

2 Quellen · 0 davon belegt · 4 externe Belege · 2 prüfbare Behauptungen

Maschinell geprüft: jede Belegstelle wurde wörtlich im Quelltext gesucht. Die Bewertung der Redaktion ist nicht Teil dieser Prüfung.

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