Diagnose im Nebel: Sieben von zehn Hausärzten sehen ADHS als überdiagnostiziert
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
Im aktuellen Diskurs über die Diagnosehäufigkeit von Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörungen klafft eine Lücke, die mit bloßer Empirie nicht mehr zu schließen ist. Sieben von zehn Hausärzten im Vereinigten Königreich halten die ADHS-Diagnose bei Erwachsenen für überdiagnostiziert — eine Meldung, die durch zwei voneinander unabhängige Quellen gestützt wird: eine Pulse-Umfrage unter Allgemeinmedizinern sowie eine Auswertung im Daily Mail. Beide Quellen verweisen auf denselben Punkt — nämlich den strukturellen Verdacht, dass private Anbieter und NHS-Wege einander nicht messen, sondern einander ausweichen.
Die Datenlage ist dünn, das muss gesagt werden. Wir haben zwei Berichte. Mehr nicht. Bis zur internen Überprüfung des Originalmaterials, der Methodik der Pulse-Umfrage und der Repräsentativität der Stichprobe können keine abschließenden Aussagen über die Validität diagnostischer Standards getroffen werden. Der gesamte Artikel ist in höchstem Maße verifizierungsabhängig.
Was die Zahlen sagen: Rund siebzig Prozent der befragten Allgemeinmediziner schätzen die ADHS-Diagnose bei Erwachsenen als überdiagnostiziert ein, fast die Hälfte davon als „sehr überdiagnostiziert". Achtzig Prozent der Patienten, die an Erwachsenen-ADHS-Dienste überwiesen werden, erhalten nach Schätzung der Hausärzte eine positive Diagnose. Und einige Hausärzte berichten, sie hätten nie erlebt, dass ein privater Anbieter eine Diagnose ablehnte.
Der dritte Baustein im Bild: Ein Bericht wirft privaten ADHS-Kliniken vor, Kinder fehldiagnostiziert zu haben. Auch hier gilt — wir wissen derzeit nicht, auf welcher Datengrundlage dieser Bericht beruht, wer ihn erstellt hat und welche Vergleichsmaßstäbe angelegt wurden. Ohne diese Angaben bleibt er eine Behauptung im Raum.
Stellen wir die Frage, die das System stellt: Woher rührt die Diskrepanz? Private Anbieter berichten, dass ihre Diagnosen sorgfältig und leitliniengerecht erfolgen. Hausärzte, die den langen Arm der Versorgung kennen, sehen etwas anderes. Möglich — nur möglich, um eine Richtung zu markieren — dass hier zwei Effekte parallel laufen: eine tatsächliche Zunahme der Diagnosen bei einem Teil der Bevölkerung, kombiniert mit einer Ausweitung diagnostischer Kriterien, die nicht von allen Anbietern gleich eng ausgelegt werden. Möglich auch, dass die NHS-Dienste überlastet sind und Patienten mit niedrigerer Symptomschwere den Weg in die Privatpraxis finden, wo die Schwelle zur Diagnose anders liegt.
Der finanzielle Kontext, den die Quellen nennen, gehört zur Sache: Patienten zahlen teils mehr als tausend Pfund für eine Konsultation; der Zugang zu NHS-Beurteilern erfolgt nach Wahl des Patienten, die Kosten trägt der Steuerzahler. ADHS-Diagnosen können zudem Leistungsansprüche wie Personal Independence Payments begründen — eine Verbindung, die in den letzten Jahren stark gewachsen ist. Hier zahlt das System selbst einen Preis für jede Diagnose. Ob dieser Preis die diagnostische Schwelle senkt, ist eine offene Frage, die wir empirisch derzeit nicht beantworten können.
Was müsste sich ändern, damit die Standards glaubwürdig werden? Drei Dinge, die jeder kennt, der einmal in einem Diagnostik-Komitee gesessen hat: Erstens eine verbindliche, öffentlich einsehbare Methodik der Diagnostik, die nicht vom Anbieter abhängt. Zweitens eine unabhängige Stichprobe von Patientenakten, die zeigt, wie hoch die Übereinstimmung zwischen verschiedenen Diagnostikern bei identischer Symptomatik tatsächlich ist. Drittens ein Berichtswesen, das nicht nur Fallzahlen zählt, sondern Ablehnungsquoten transparent macht. Solange private Anbieter eine Ablehnung als betriebswirtschaftliches Risiko behandeln und öffentliche Anbieter Wartelisten als Erfolg verkaufen, messen wir das Falsche.
Der Verdacht ist berechtigt, aber er ist kein Beweis. Er ist ein Hinweis, dass die Standards, nach denen wir ADHS diagnostizieren, sich nicht selbst prüfen. Wer das bezahlt hat, wer widersprochen hat, was nicht gemessen wurde — das sind die drei Fragen, die ich aus jedem Labor kenne, in dem Diagnostik betrieben wird. Ich rauche meine Pfeife und warte auf den Tag, an dem jemand diese Fragen offen beantwortet.
Welche Instanz prüft eigentlich, ob die Diagnose und der Patient zueinander passen — oder nur, ob sie zueinander passen sollen?
❖ Ende des Artikels ❖
