Die Große Grüne Mauer Afrikas: Versprechen, Zahlen, und was davon bleibt
Manche Projekte sterben langsam, manche sterben öffentlich, und manche sterben auf eine Weise, dass die Welt noch Jahrzehnte später glaubt, sie seien quicklebendig. Die Große Grüne Mauer Afrikas gehört zu jenen Geschichten, in denen das, was als Rettung verkauft wird, sich bei näherer Betrachtung als etwas ganz anderes erweist: als Versprechen, als Verhandlungsgegenstand, als Postkartenmotiv.
Im Jahr 2007, so hält es die Faktenprüfungsredaktion Snopes fest, schlossen sich mehr als zwanzig afrikanische Staaten zusammen, um die Ausbreitung der Sahara einzudämmen. Die Idee war ebenso schlicht wie monumental: ein Gürtel aus Bäumen sollte sich, einmal ausgewachsen, quer durch die Sahelzone ziehen, jenen Streifen Land am südlichen Rand der Wüste, wo das Klima bereits begonnen hat, sich gegen die Menschen zu wenden. Achttausend Kilometer, so die offizielle Formulierung der UN-Konvention zur Bekämpfung der Wüstbildung, werde das Bauwerk dereinst messen — das größte lebende Konstrukt des Planeten, ein "natürliches Weltwunder", das sich über die gesamte Breite des Kontinents spannt, von Senegal im Westen bis nach Dschibuti im Osten.
Nun: manches davon stimmt, manches nicht, und manches hat sich im Laufe der Jahre stillschweigend verändert. Snopes bewertet die im Umlauf befindlichen Behauptungen als "überwiegend wahr" — doch gerade dieses Urteil ist es wert, beim Namen genannt zu werden. Die Viralität der Geschichte, ihre Verbreitung über Facebook, LinkedIn und zahllose andere Plattformen, verdankt sich weniger dem, was tatsächlich gepflanzt wurde, als dem, was in Aussicht gestellt wurde. Da sind die poetischen Sätze, die da lauten, man könne sich "eine lebende Mauer vorstellen, sichtbar aus dem Weltraum", und während die Welt noch schmachtet, wachsen andernorts die Alibis.
Da ist zunächst die Zahl. Wer behauptet, die Mauer werde "rund 7.000 Kilometer" messen, hat die ursprüngliche Zielmarke schöngerechnet oder schlicht nicht genau gelesen. Achttausend war die Vorgabe, sieben das, was in den sozialen Medien zirkuliert. Der Unterschied wirkt geringfügig. Er ist es nicht: er ist der Unterschied zwischen dem, was man sich vorgenommen hat, und dem, was man sich zutraut, anderen zu erzählen.
Da ist sodann die Sache mit dem Bild. Jahre wanderte eine Aufnahme eines grünen Bandes über den afrikanischen Kontinent durch die sozialen Netzwerke, angeblich ein Beleg für das Großprojekt. Es ist, wie Snopes anmerkt, ein Beleg für gar nichts als die Bereitschaft, ein Bild für eine Idee zu nehmen, wo noch keine Realität dahintersteht. Die Große Grüne Mauer war von Beginn an mehr Fotomontage als Forst.
Was tatsächlich geschah, ist nüchterner und vermutlich auch ehrlicher. Die Initiative verlagerte ihren Schwerpunkt im Laufe der Jahre von einer durchgehenden Baumlinie hin zu kleineren, regionalen Pflanzprogrammen. Das klingt nach einer schlichten Anpassung an die Gegebenheiten vor Ort; es klingt aber auch nach dem stillen Eingeständnis, dass das ursprüngliche Vorhaben in dieser Form nicht durchführbar ist. Aktuelle Berichte zeichnen ein deutliches Bild: das Projekt wird insgesamt als gescheitert wahrgenommen, mit einzelnen Erfolgen, die den Rahmen nicht sprengen, sondern als Anekdoten neben dem Befund stehen.
Es bleibt die Frage, wer von der Erzählung profitiert, auch wenn die nüchterne Betrachtung hier keine Verschwörungstheorien bemühen muss. Eine Initiative, die über zwanzig Staaten, internationale Organisationen und zahlreiche Geber zusammenbringt, hat viele Väter und Mütter. Sie produziert Konferenzen, Resolutionen, Absichtserklärungen — jene diplomatische Währung, in der Politik bezahlt wird, lange bevor die ersten Setzlinge in den Boden kommen. Ob die Mauer dereinst stehen wird, in welcher Form auch immer, ist eine Frage, die die Sahelzone selbst beantworten wird. Bis dahin bleibt, was wir haben: ein Versprechen, eine Zahl, die zwischen sieben- und achttausend Kilometern pendelt, und das Wissen, dass man in den Archiven der alten Diplomatie schon viele solcher Versprechen gesehen hat.
❖ Ende des Artikels ❖
