Server gestohlen, Souveränität intakt: Russland vor der Wahl
Es gibt eine bestimmte Art von Stille in Genf, jene, die sich über Verhandlungstische legt, wenn ein Mann sein Jackett zuknöpft und damit ein Dokument versiegelt, das er niemals zu unterzeichnen gedenkt. Diese Stille höre ich wieder, an einem Dienstag im September 2026, während sich Russland auf die Wahlen zur neunten Staatsduma vorbereitet, die am Wochenende vom 18. bis 20. September stattfinden sollen. Die Stille trägt einen Namen. Sie heißt Widerspruch.
Eine anonyme Hackergruppe namens CikLeak behauptet, sie habe wenige Tage vor der Wahl die IT-Infrastruktur der russischen Zentralen Wahlkommission sowie diejenige der Auftragnehmer kompromittiert, die das staatliche automatisierte Wahlsystem Vybory 2.0 entwickeln. Die Hacker sagen, sie hätten interne Dokumente, Serverkonfigurationen, Passwörter und Mitarbeiterkommunikation heruntergeladen. Das Material wurde dem Investigativmedium IStories übergeben, das die Echtheit der Dokumente nach eigenen Angaben verifiziert hat und eine Recherche vorbereitet, wie das russische Wahlsystem tatsächlich funktioniert. Auf der anderen Seite dieses Schreibtisches steht Alexej Gusew, Direktor von Zifrotech, einer Tochtergesellschaft von Rostelekom, deren Infrastruktur durchdrungen worden sein soll. Gusew, so berichtet IStories, wusste nichts von einem Eindringen. Er lächelte vermutlich, als er das sagte.
Es ist die Architektur der Unwissenheit, die Russlands Wahlbehörden seit Jahren pflegen. Im August erklärte Ella Pamfilowa, die Vorsitzende der Zentralen Wahlkommission, das Vybory-System sei unmöglich zu hacken. Unmöglich. Ein Wort, das in Verträgen gern neben „souverän" und „unverletzlich" steht. Nur Stunden bevor die Berichte über den mutmaßlichen Datenabfluss die Runde machten, teilte die Kommission mit, sie habe Schwachstellen in Vybory, im elektronischen Fernwahlsystem und im Videoüberwachungssystem analysiert. Pamfilowa selbst bezeichnete den Dienst, der die Videoüberwachung der Wahllokale und den ununterbrochenen Livestream bereitstellt, als das „schwache Glied" im gesamten System. Man stelle sich das vor: Eine Frau, die das System für unknackbar hält, benennt Stunden später sein schwächstes Glied. Diesen Bogen spannt man nicht mit Daten, sondern mit Diplomatie.
Die Fakten, soweit sie sich aus den vorliegenden Quellen zusammensetzen, sind diese: Hacker verschafften sich Zugang zu den IT-Systemen der russischen Zentralen Wahlkommission Tage vor den Staatsduma-Wahlen. Sie luden Serverkonfigurationen und interne Dokumente herunter. Die eine Quelle bestätigt den Zugriff, eine andere bestätigt ihn nicht, oder behauptet, keine Beweise gefunden zu haben. Die russische Wahlkommission selbst spricht von einer unmöglichen Architektur und analysiert zugleich ihre Schwachstellen. Was bleibt, ist eine Geste der Souveränität in einem Raum, dessen Türen offen stehen.
Die Wahlen werden die neunte Staatsduma hervorbringen. Es wird erwartet, dass Geeintes Russland, die Partei, die das Land seit mehr als zwei Jahrzehnten regiert und deren Macht sich auf Präsident Wladimir Putin stützt, ihre Dominanz behaupten wird. Oppositionsgruppen melden bereits Unregelmäßigkeiten, Beobachtungen, die in das vertraute Muster russischer Wahlzyklen fallen: Kontrolle, Erwartung, Bestätigung. Währenddessen streiten diejenigen, die außerhalb dieses Musters stehen, über die Strategie, mit der man hineingehen könnte. In St. Petersburg kritisierte der Jabloko-Vorsitzende Nikolai Rybakow den Vorschlag der im Exil lebenden Oppositionellen Julia Nawalnaja und Maxim Katz scharf, bei den Wahlen jede andere Partei als Geeintes Russland zu wählen. Rybakow, dessen eigene Liste vom Wahlgang zur Staatsduma ausgeschlossen wurde, empfahl seinen Anhängern, den Stimmzettel im Listenwahlkampf ungültig zu machen. Rybakow sprach von Politikern, die durch ihr Handeln im Jahr 2021 zu Toten geführt hätten. Katz, aus dem Ausland, antwortete versöhnlich: Man solle die harten Worte überhören, denn man müsse verstehen, unter welchem Druck Politiker in Russland arbeiteten, die sich für Frieden einsetzten. Positionen, die sich unterscheiden. Ein Dialog, der nicht versöhnt, sondern dokumentiert.
In diese Tage fällt auch eine Nebensächlichkeit, die keine ist: Die Pet Shop Boys, jene englische Band, die seit Jahrzehnten die Melancholie des synthetischen Pops pflegt, haben ein neues Lied veröffentlicht, termingenau zur russischen Wahl. Es klingt, als hätte man es für diese Stille komponiert.
Was wir nicht wissen, ist das eigentliche Dokument. Wir wissen nicht, ob die Serverkonfigurationen, die CikLeak heruntergeladen haben will, tatsächlich zeigen, wie das System Vybory 2.0 manipuliert werden kann. Wir wissen nicht, ob die heruntergeladenen internen Dokumente Aufschluss über tatsächliche Unregelmäßigkeiten geben oder nur die Routine einer Behörde abbilden, die seit Jahren sagt, sie sei unknackbar. Wir wissen nicht, wie tief der Blick derer ist, die da hineingesehen haben wollen, und wir wissen nicht, wie gleichgültig der Blick derer ist, die behaupten, nichts gesehen zu haben.
Wir wissen nur, dass die Wahl stattfinden wird. Wir wissen, dass sie ausgehen wird, wie sie ausgehen soll. Wir wissen, dass die Stille danach jene sein wird, die ich aus Genf kenne: die Stille von Männern, die lächeln, während sie logen. Und wir wissen, dass wir kein klares Bild der Fakten haben. Aber vielleicht, sagt mir meine Erfahrung, ist genau das unsere größte Waffe.
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